Kann eine Impfung vor Demenz schützen? Diese Frage sorgt aktuell in sozialen Netzwerken, Gesundheitsportalen und der Wissenschaft für enorme Aufmerksamkeit. Auslöser ist die neue Studienlage rund um die Zoster-Impfung gegen Gürtelrose. Diese liefert Hinweise darauf, dass Geimpfte möglicherweise ein geringeres Demenzrisiko haben. Doch wie belastbar sind die Daten wirklich?
Gürtelrose, Zoster-Impfung und Demenz: Warum alles zusammenhängt
Gürtelrose (medizinisch: Herpes Zoster) wird durch die Reaktivierung des Varizella-Zoster-Virus verursacht. Dieses Virus verbleibt nach einer Windpockeninfektion lebenslang im Körper. Besonders im höheren Alter oder bei einem geschwächten Immunsystem kann es wieder aktiv werden – mit teils schweren Folgen. Schon seit Längerem vermuten Forschende, dass Virusreaktivierungen und chronische Entzündungen eine Rolle bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz spielen könnten. Genau hier setzt die aktuelle Forschung an.
Neue Studien: Zoster-Impfung gegen Demenz?
Mehrere große Beobachtungsstudien aus den letzten Jahren, die zuletzt in internationalen Fachkreisen stark diskutiert wurden, zeigen einen auffälligen Zusammenhang: Menschen, die gegen Gürtelrose geimpft wurden, entwickelten im Beobachtungszeitraum seltener eine Demenz als die ungeimpfte Vergleichsgruppe. Teilweise ist von einer Reduktion des Demenzrisikos um rund 20 % die Rede. Das sorgt für Schlagzeilen, und für Hoffnung.
Wichtig zu wissen:
- Es handelt sich nicht um einen endgültigen Beweis, sondern um statistische Zusammenhänge. Die Daten zeigen Auffälligkeiten in großen Gruppen, aber keinen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Nachweis
- Die Studien zeigen Korrelationen, aber keine Kausalität. Das bedeutet, dass Geimpfte zwar seltener an Demenz erkranken, es ist jedoch nicht bewiesen, dass die Impfung der direkte Grund dafür ist.
- Dennoch gelten die Ergebnisse als wissenschaftlich relevant und plausibel weil sie zu biologischen Erklärungsmodellen passen und in mehreren Studien unabhängig voneinander beobachtet wurden.
Mögliche Erklärungen: Wie könnte die Zoster-Impfung das Gehirn schützen?
Forschende diskutieren mehrere Mechanismen, die erklären könnten, warum eine Gürtelrose-Impfung mit einem geringeren Demenzrisiko einhergeht. Ein zentraler Ansatzpunkt ist die Reduzierung von Virusreaktivierungen. Das Varizella-Zoster-Virus verbleibt nach einer Windpockeninfektion lebenslang im Körper und kann sich im höheren Alter erneut aktivieren. Diese Reaktivierungen werden mit entzündlichen Prozessen im Nervensystem (Neuroinflammation) in Verbindung gebracht. Neuroinflammation gilt als möglicher Risikofaktor für neurodegenerative Erkrankungen.
Darüber hinaus könnte die Zoster-Impfung zu einer Stabilisierung und besseren Regulation des Immunsystems im Alter beitragen. Ein funktionierendes Immunsystem spielt eine wichtige Rolle bei der Kontrolle chronischer Entzündungen, die zunehmend als Treiber von Demenzprozessen diskutiert werden.
Auch die Reduktion systemischer, chronischer Entzündungsreaktionen ist ein möglicher Erklärungsansatz. Solche Entzündungen stehen im Verdacht, sowohl Nervenzellen direkt zu schädigen als auch indirekt die Blutgefäße im Gehirn zu beeinträchtigen. In diesem Zusammenhang wird ein indirekter Schutz vor vaskulären Schäden als weiterer potenzieller Effekt der Impfung diskutiert.
Interessant ist, dass ähnliche Zusammenhänge bereits in früheren Studien zu anderen Impfungen, etwa der Grippeimpfung, beobachtet wurden. Auch dort zeigte sich teilweise ein geringeres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen, was die Hypothese stärkt, dass Impfungen über immunologische und entzündungshemmende Effekte zur Demenzprävention beitragen könnten.
Einordnung der Studienlage aus Expertensicht
Neurologen und Immunologen mahnen zur Einordnung. Die derzeitige Studienlage sei vielversprechend, aber noch nicht ausreichend, um die Zoster-Impfung gezielt als Demenzprävention zu empfehlen. Einigkeit besteht jedoch in einem Punkt: Die Impfung ist sicher, gut verträglich und schützt zuverlässig vor Gürtelrose und deren Komplikationen. Der mögliche zusätzliche Nutzen für das Gehirn wird aktuell intensiv weiter erforscht.
Für wen ist die Zoster-Impfung bisher sinnvoll?
Unabhängig vom Demenzthema empfehlen Fachgremien die Gürtelrose-Impfung:
- ab 60 Jahren generell
- ab 50 Jahren bei bestimmten Vorerkrankungen oder geschwächtem Immunsystem
Fazit: Vielversprechende Hinweise für die weitere Forschung
Die Vorstellung, Demenz durch eine Impfung beeinflussen zu können, trifft einen Nerv – und die aktuelle Studienlage liefert ernstzunehmende Hinweise darauf. Mehrere große Studien zeigen übereinstimmend, dass eine Gürtelrose-Impfung mit einem geringeren Demenzrisiko einhergeht. Das macht diesen Ansatz wissenschaftlich relevant und plausibel.
Gleichzeitig gilt jedoch, dass die bisherigen Daten noch nicht ausreichen, um von einem gesicherten Demenzschutz zu sprechen. Weitere Studien sind notwendig, um zu klären, ob und in welchem Ausmaß die Impfung tatsächlich ursächlich wirkt. Unabhängig davon ist die Gürtelrose-Impfung bereits heute ein wichtiger Bestandteil der Gesundheitsvorsorge im höheren Alter, da sie zuverlässig vor Gürtelrose und deren teils schweren Komplikationen schützt.
Quellen:
Eyting, M., Xie, M., Michalik, F., Heß, S., Chung, S. & Geldsetzer, P. (2025). A natural experiment on the effect of herpes zoster vaccination on dementia. Nature, 641(8062), 438–446. https://doi.org/10.1038/s41586-025-08800-x
Taquet, M., Dercon, Q., Todd, J. A. & Harrison, P. J. (2024). The recombinant shingles vaccine is associated with lower risk of dementia. Nature Medicine, 30(10), 2777–2781. https://doi.org/10.1038/s41591-024-03201-5
Shah, S., Dahal, K., Thapa, S., Subedi, P., Paudel, B. S., Chand, S., Salem, A., Lammle, M., Sah, R. & Krsak, M. (2024). Herpes zoster vaccination and the risk of dementia: A systematic review and meta‐analysis. Brain And Behavior, 14(2), e3415. https://doi.org/10.1002/brb3.3415
Pomirchy, M., Bommer, C., Pradella, F., et al. (2025). Herpes zoster vaccination and dementia occurrence. JAMA, 333(23), 2083–2092. https://doi.org/10.1001/jama.2025.5013
Tang, E., Ray, I., Arnold, B. F. & Acharya, N. R. (2024). Recombinant zoster vaccine and the risk of dementia. Vaccine, 46, 126673. https://doi.org/10.1016/j.vaccine.2024.126673
Yeh, T., Curhan, G. C., Yawn, B. P., Willett, W. C. & Curhan, S. G. (2024). Herpes zoster and long-term risk of subjective cognitive decline. Alzheimer S Research & Therapy, 16(1), 180. https://doi.org/10.1186/s13195-024-01511-x