- Was ist Artemisia annua? Herkunft und traditionelle Nutzung
- Wirkung von Artemisia annua: Was ist wissenschaftlich belegt?
- Artemisinin gegen Malaria: Die klinisch belegte Wirkung
- Artemisia annua bei Krebs, Borreliose und Parasiten: Was ist dran?
- Artemisia annua-Tee, Kapseln und Extrakte
- Nebenwirkungen von Artemisia annua und Artemisinin
- Fazit: Was Artemisia annua wirklich kann und was nicht
Artemisia annua, auch Einjähriger Beifuß genannt, ist eine Heilpflanze aus der Familie der Korbblütler. Aus ihr wird Artemisinin gewonnen, dessen Abkömmlinge heute weltweit zur Behandlung von Malaria eingesetzt werden. Für Anwendungen gegen Krebs, Viren oder Borreliose fehlen bislang belastbare klinische Nachweise beim Menschen. In diesem Artikel erfährst Du, was wissenschaftlich gesichert ist, wie Tee und Kapseln einzuordnen und welche Nebenwirkungen möglich sind.
Was ist Artemisia annua? Herkunft und traditionelle Nutzung
In der traditionellen Medizin Asiens und Afrikas wird die Pflanze vorwiegend als Tee oder als gepresster Saft zubereitet, um Fiebererkrankungen und weitere Beschwerden wie Tuberkulose, Wunden, Dysenterie oder Hautkrankheiten zu lindern [1, 2, 5].
Moderne Forschungen brachten die Pflanze in den späten sechziger Jahren wieder in das Zentrum der Wissenschaft. Auf der Suche nach neuen Malariamedikamenten analysierten Wissenschaftler hunderte traditionelle Heilpflanzen. Die chinesische Pharmakologin Tu Youyou und ihr Team isolierten 1972 den Wirkstoff Artemisinin. 2015 erhielt sie dafür den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Artemisia annua ist die gesamte Pflanze mit all ihren natürlichen Bestandteilen, Artemisinin hingegen ist ein isolierter, standardisierter chemischer Wirkstoff, der in den Drüsenhaaren der Blätter und Blüten produziert wird. Standardisierte Präparate auf Basis von Artemisinin bilden heute das Fundament der modernen Malariaversorgung weltweit.
Wirkung von Artemisia annua: Was ist wissenschaftlich belegt?
Bei der Betrachtung der pflanzlichen und chemischen Wirksamkeit ist eine scharfe Trennung zwischen etablierten Behandlungen am Menschen und experimentellen Laborversuchen erforderlich. Oftmals werden erste vielversprechende Laborergebnisse vorschnell als fertige Heilmittel missverstanden.
Die nachfolgende Tabelle bietet eine Übersicht über die wichtigsten Anwendungsgebiete und den jeweiligen Stand der Forschung.
|
Anwendungsbereich |
Untersuchte Substanzen |
Wissenschaftliche Evidenz |
|---|---|---|
|
Bekämpfung von Malaria |
Artemisinin-Derivate (z. B. Artemether, Artesunat) in Kombination mit anderen Medikamenten |
Klinisch etabliert und durch die WHO als globaler Therapiestandard definiert [6, 8] |
|
Krebsforschung |
Isoliertes Artemisinin sowie verschiedene Extrakte der gesamten Pflanze |
Präklinische Forschung in Zellkulturen und Tiermodellen zeigt Zelltod von Tumorzellen, klinische Anwendung ist jedoch nicht belegt [1, 2, 5] |
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Antivirale Forschung (SARS-CoV-2) |
Heißwasserextrakte aus getrockneten Pflanzenblättern |
Laborstudien an Zellkulturen zeigen eine Hemmung der Virusreplikation, ohne Beweis für eine Wirksamkeit im menschlichen Körper [3] |
Die Behandlung der Malaria ist die einzige umfassend etablierte und klinisch belegte medizinische Anwendung beim Menschen. Andere vielversprechende Anwendungsgebiete befinden sich noch in frühen Forschungsstadien und erfordern eine vorsichtige Einordnung.
Artemisinin gegen Malaria: Die klinisch belegte Wirkung
Die Bekämpfung der Malaria ist die wichtigste medizinisch etablierte Bedeutung von Artemisinin. Ein wichtiger Meilenstein war ein umfassender Review der Cochrane-Datenbank aus dem Jahr 2009, der die Wirksamkeit der Artemisinin-basierten Kombinationstherapien bestätigte. Diese Kombinationstherapien heilen unkomplizierte Infektionen mit dem Parasiten Plasmodium falciparum zuverlässig. Forscher analysierten 50 verschiedene Studien und bewerteten Kombinationspräparate wie Dihydroartemisinin-Piperaquin, Artesunat-Mefloquin und Artemether-Lumefantrin als effektiv [6].
Rohe Pflanzenpräparate oder aufgebrühte Tees bieten diese Sicherheit nicht. Die Leitlinie der WHO empfiehlt für die Malariabehandlung den Einsatz standardisierter Artemisinin-basierter Kombinationstherapien. Standardisierte Arzneimittel werden klar von Pflanzenpräparaten der Artemisia annua abgegrenzt. Von der Nutzung pflanzlicher Zubereitungen wird abgeraten. Denn bei der Nutzung von Pflanzenpräparaten drohen Unterdosierungen, die die Heilung verhindern und die Ausbreitung resistenter Malariaparasiten beschleunigen können. Für bestimmte Patientengruppen wie schwangere Frauen und Kleinkinder enthält die aktuelle Leitlinie der WHO zudem genaue Dosierungsanpassungen, die mit Teepräparaten nicht umsetzbar wären [8].
Artemisia annua bei Krebs, Borreliose und Parasiten: Was ist dran?
Im Internet wird Artemisia annua häufig gegen Borreliose, Darmparasiten und Würmer („Parasitenkur“) oder Krebs empfohlen. Für keine dieser Anwendungen gibt es bislang belastbare klinische Nachweise beim Menschen. Die vorhandenen Erkenntnisse stammen überwiegend aus Zellkulturen und Tierversuchen [1, 2, 5].
Besonders in der Krebsforschung werden Artemisinin und Pflanzenextrakte intensiv untersucht. Präklinische Studien zeigen verschiedene mögliche Effekte auf Tumorzellen, daraus lässt sich jedoch keine nachgewiesene Wirksamkeit beim Menschen ableiten. Auch für Borreliose oder sogenannte Parasitenkuren fehlen ausreichende klinische Daten.
Artemisia annua-Tee, Kapseln und Extrakte
Artemisia annua wird heute in verschiedenen Darreichungsformen angeboten:
- Tee aus getrockneten Blättern
- Pulver und Kapseln mit Pflanzenmaterial
- Flüssige oder konzentrierte Extrakte
Entscheidend ist, dass der natürliche Artemisinin-Gehalt dieser Produkte stark schwanken kann. Einfluss darauf haben unter anderem Herkunft, Anbau, Erntezeitpunkt, Trocknung und Verarbeitung der Pflanze. Bei Tee bestimmen zusätzlich Wassertemperatur und Ziehzeit, wie viele Pflanzenstoffe in den Aufguss übergehen [2, 3].
Dadurch lässt sich die tatsächlich aufgenommene Wirkstoffmenge bei Artemisia-annua-Produkten nicht zuverlässig vorhersagen. Eine allgemeingültige medizinische Dosierung für Tee, Kapseln oder nicht standardisierte Extrakte lässt sich deshalb nicht ableiten.
Nebenwirkungen von Artemisia annua und Artemisinin
Artemisinin-basierte Kombinationstherapien gelten bei ärztlich verordneter Anwendung als gut verträglich. Zu den häufigeren Beschwerden zählen Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen und Schwindel. Diese Symptome lassen sich allerdings nicht immer klar von der Malaria selbst abgrenzen [4, 6].
Auswirkungen auf die Leber
Unter der Therapie können die Leberwerte vorübergehend ansteigen. In seltenen Fällen wurden akute Leberschädigungen beschrieben, vor allem nach längerer Einnahme artemisininhaltiger Nahrungsergänzungsmittel ohne ärztliche Kontrolle [4]. Menschen mit Lebererkrankungen sollten solche Produkte daher nicht eigenständig einnehmen.
Schwangerschaft, Stillzeit und Kinder
Für Schwangere, Stillende und Kleinkinder gibt die WHO eigene Empfehlungen und Dosierungsanpassungen für die Malariatherapie vor [8]. Für Tee, Kapseln oder Extrakte aus Artemisia annua fehlen für diese Gruppen belastbare Sicherheitsdaten. Eine Einnahme ohne ärztliche Rücksprache ist deshalb nicht zu empfehlen.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Artemisinin-Derivate und ihre Partnerwirkstoffe werden teilweise über Enzyme des Cytochrom-P450-Systems abgebaut. Andere Arzneimittel, die diese Enzyme hemmen oder anregen, können die Wirkstoffspiegel deshalb erhöhen oder senken. Gut untersucht ist das bei HIV-Medikamenten: Bestimmte Proteasehemmer und nicht-nukleosidische Reverse-Transkriptase-Hemmer (NNRTIs) können die Spiegel von Artemether und Dihydroartemisinin senken und damit die Malariatherapie abschwächen [9].
Allergien
Artemisia annua gehört zur Familie der Korbblütler. Wer auf Korbblütler wie Kamille, Arnika oder auf Beifußpollen allergisch ist, kann auch auf Artemisia-annua-Produkte allergisch reagieren.
Fazit: Was Artemisia annua wirklich kann und was nicht
Artemisia annua hat die Medizin geprägt: Aus der Pflanze stammt Artemisinin, dessen Abkömmlinge heute weltweit zur Behandlung von Malaria eingesetzt werden. Diese Wirkung gilt aber nur für standardisierte Medikamente, nicht für Tee, Pulver oder Kapseln. Effekte gegen Krebs, Viren oder Borreliose sind bisher nur im Labor gezeigt und kein Ersatz für eine ärztliche Behandlung.
Quellen
- Efferth, T. (2017). From ancient herb to modern drug: Artemisia annua and artemisinin for cancer therapy. Seminars in Cancer Biology, 46, 65–83. https://doi.org/10.1016/j.semcancer.2017.02.009
- Feng, X., Cao, S., Qiu, F., & Zhang, B. (2020). Traditional application and modern pharmacological research of Artemisia annua L. Pharmacology & Therapeutics, 216, 107650. https://doi.org/10.1016/j.pharmthera.2020.107650
- Nair, M. S., Huang, Y., Fidock, D. A., Polyak, S. J., Wagoner, J., Towler, M. J., & Weathers, P. J. (2021). Artemisia annua L. extracts inhibit the in vitro replication of SARS-CoV-2 and two of its variants. Journal of Ethnopharmacology, 274, 114016. https://doi.org/10.1016/j.jep.2021.114016
- National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases. (2017). Artemisinin. In LiverTox: Clinical and Research Information on Drug-Induced Liver Injury. National Library of Medicine. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK548419/
- Septembre-Malaterre, A., Lalarizo Rakoto, M., Marodon, C., Bedoui, Y., Nakab, J., Simon, E., Hoarau, L., Savriama, S., Strasberg, D., Guiraud, P., Selambarom, J., & Gasque, P. (2020). Artemisia annua, a traditional plant brought to light. International Journal of Molecular Sciences, 21(14), 4986. https://doi.org/10.3390/ijms21144986
- Sinclair, D., Zani, B., Donegan, S., Olliaro, P., & Garner, P. (2009). Artemisinin-based combination therapy for treating uncomplicated malaria. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2009(3), CD007483. https://doi.org/10.1002/14651858.CD007483.pub2
- Takyi, A., Soma, A., Przybylska, M., Harriss, E., Barnes, K. I., Dahal, P., Guérin, P. J., Stepniewska, K., & Carrara, V. I. (2025). Efficacy of artemisinin-based combination therapy (ACT) in people living with HIV (PLHIV) diagnosed with uncomplicated Plasmodium falciparum malaria in Africa: A WWARN systematic review. Malaria Journal, 24(1), 153. https://doi.org/10.1186/s12936-025-05393-8
- World Health Organization. (2026). WHO guidelines for malaria (10 September 2026 update). https://www.who.int/publications/i/item/guidelines-for-malaria
- Kiang, T. K. L., Wilby, K. J., & Ensom, M. H. H. (2014). Clinical pharmacokinetic drug interactions associated with artemisinin derivatives and HIV-antivirals. Clinical Pharmacokinetics, 53(2), 141–153. https://doi.org/10.1007/s40262-013-0110-5