Wissenswertes über "Witching Hour"
Die Witching Hour beschreibt Phasen intensiven Schreiens bei Säuglingen am späten Nachmittag oder Abend. Erfahren Sie mehr über Ursachen und Umgang.
Was ist die Witching Hour?
Der Begriff Witching Hour (auf Deutsch oft als „Hexenstunde“ bezeichnet) beschreibt ein bei Säuglingen häufig auftretendes Phänomen: Phasen intensiven, scheinbar grundlosen Schreiens, Quengelns und Unruhezuständen, die typischerweise am späten Nachmittag oder frühen Abend auftreten. Diese Phasen können sich mehrmals wöchentlich oder sogar täglich wiederholen und stellen für Eltern eine erhebliche Belastung dar. Die Witching Hour ist kein medizinisch anerkanntes Krankheitsbild, sondern ein im Volksmund und in der Pädiatrie verwendeter Begriff für ein entwicklungsphysiologisches Phänomen.
Wann tritt die Witching Hour auf?
Die Witching Hour tritt am häufigsten bei Neugeborenen und Säuglingen zwischen der 2. und 12. Lebenswoche auf. Der Höhepunkt liegt oft um die 6. Lebenswoche. Die Schreiperioden beginnen typischerweise zwischen 17:00 und 23:00 Uhr und können zwischen 30 Minuten und mehreren Stunden andauern. Nach dem dritten Lebensmonat lassen diese Episoden bei den meisten Säuglingen deutlich nach.
Ursachen
Die genauen Ursachen der Witching Hour sind nicht vollständig geklärt. Medizinische Fachleute diskutieren mehrere mögliche Erklärungen:
- Unreifes Nervensystem: Das Gehirn und das Nervensystem des Neugeborenen sind noch in der Entwicklung. Am Ende eines langen, reizreichen Tages kann es zu einer Überstimulation kommen, die sich in Unruhe und Schreien äußert.
- Veränderungen in der Muttermilch: Es gibt Hinweise darauf, dass die Zusammensetzung der Muttermilch im Tagesverlauf schwankt. Am Abend kann der Gehalt an bestimmten Hormonen wie Melatonin ansteigen, was den Schlaf-Wach-Rhythmus des Säuglings beeinflusst.
- Hunger und Wachstumsschübe: Während Wachstumsschüben benötigen Säuglinge häufiger Nahrung. Erhöhter Hunger am Abend kann zu Unzufriedenheit führen.
- Müdigkeit: Neugeborene können noch nicht selbstständig einschlafen, wenn sie müde sind. Übermüßigkeit äußert sich oft durch Schreien.
- Blähungen und Verdauungsprobleme: Ein unreifes Verdauungssystem kann zu Gasansammlungen und Bauchbeschwerden führen, die besonders abends spürbar werden.
- Veränderter Tagesrhythmus der Mutter: Stress und Erschöpfung der stillenden Mutter am Abend können sich auf die Milchzusammensetzung und den Milchfluss auswirken.
Abgrenzung zu Koliken
Die Witching Hour wird häufig mit Säuglingskoliken verwechselt oder gleichgesetzt. Während beide Phänomene intensives Schreien beinhalten, gibt es Unterschiede: Koliken werden klinisch definiert als Schreien von mehr als drei Stunden pro Tag, mehr als drei Tage pro Woche über mehr als drei Wochen (sogenannte „Dreier-Regel“ nach Wessel). Die Witching Hour ist in der Regel kürzer und nicht zwingend auf Schmerzen zurückzuführen. Bei anhaltenden oder sehr intensiven Schreiperioden sollte ein Kinderarzt aufgesucht werden, um organische Ursachen auszuschließen.
Umgang und Tipps für Eltern
Auch wenn die Witching Hour belastend ist, gibt es verschiedene Strategien, die Eltern helfen können:
- Häufiges Anlegen: Stillen oder Flaschenfütterung in kürzeren Abständen kann Hunger und Unruhe lindern.
- Babymassage: Sanfte Bauchmassagen können Blahungen lösen und den Säugling beruhigen.
- Bewegung und Trageuübungen: Viele Säuglinge beruhigen sich durch rhythmische Bewegungen, z.B. Schaukeln, Spazierenfahren oder Tragen in einem Tragetuch.
- Weißes Rauschen: Geräusche wie das Rauschen eines Ventilators oder spezielle White-Noise-Apps können an Geräusche im Mutterleib erinnern und beruhigend wirken.
- Reizreduzierung: Eine ruhige, gedämmte Umgebung kann helfen, eine Überstimulation zu verringern.
- Elterliche Selbstfürsorge: Eltern sollten sich bei Bedarf Unterstützung holen und eigene Pausen einplanen, um Erschöpfung vorzubeugen.
Wann zum Arzt?
In den meisten Fällen ist die Witching Hour ein vorübergehendes, harmloses Entwicklungsphänomen. Ein Kinderarzt sollte jedoch konsultiert werden, wenn:
- das Schreien plötzlich sehr intensiv oder ungewohnt ist,
- zusätzliche Symptome wie Fieber, Erbrechen oder Veränderungen im Stuhlgang auftreten,
- das Schreien über den dritten Lebensmonat hinaus nicht nachlässt,
- Eltern sich stark überfordert fühlen und Unterstützung benötigen.
Quellen
- Wolke, D. & Bilgin, A. - Infant crying and sleeping problems: prevalence and associations with maternal cognitions. In: Archives of Disease in Childhood (2020).
- Wessel, M.A. et al. - Paroxysmal fussing in infancy, sometimes called colic. In: Pediatrics (1954).
- Weltgesundheitsorganisation (WHO) - Infant and young child feeding: Model Chapter for textbooks for medical students and allied health professionals (2009).