Atracurium – Muskelrelaxans in der Anästhesie
Atracurium ist ein muskelrelaxierendes Medikament, das in der Anästhesie eingesetzt wird, um die Skelettmuskulatur vorübergehend zu lähmen und Operationen zu erleichtern.
Wissenswertes über "Atracurium"
Atracurium ist ein muskelrelaxierendes Medikament, das in der Anästhesie eingesetzt wird, um die Skelettmuskulatur vorübergehend zu lähmen und Operationen zu erleichtern.
Was ist Atracurium?
Atracurium ist ein nicht-depolarisierendes neuromuskuläres Blockmittel (auch: Muskelrelaxans), das in der klinischen Anästhesie und Intensivmedizin eingesetzt wird. Es gehört zur Gruppe der Benzylisochinolinium-Verbindungen und bewirkt eine vorübergehende, vollständige Entspannung der Skelettmuskulatur. Dies erleichtert chirurgische Eingriffe und die maschinelle Beatmung von Patienten.
Indikationen
Atracurium wird in folgenden medizinischen Situationen eingesetzt:
- Erleichterung der endotrachealen Intubation (Einführen eines Beatmungsschlauchs in die Luftröhre)
- Aufrechterhaltung der Muskelentspannung während operativer Eingriffe unter Allgemeinanästhesie
- Unterstützung der mechanischen Beatmung auf der Intensivstation
- Eingriffe, bei denen eine vollständige Ruhigstellung der Muskulatur erforderlich ist
Wirkmechanismus
Atracurium wirkt als kompetitiver Antagonist an nikotinischen Acetylcholinrezeptoren der motorischen Endplatte. Es blockiert die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Skelettmuskulatur, indem es die Bindung des natürlichen Botenstoffs Acetylcholin an seinen Rezeptor verhindert. Dadurch kann der Muskel nicht mehr kontrahieren und bleibt entspannt.
Ein besonderes Merkmal von Atracurium ist der sogenannte Hofmann-Abbau: Der Wirkstoff wird bei physiologischem pH-Wert und Körpertemperatur spontan und enzymatisch abgebaut – unabhängig von Leber- oder Nierenfunktion. Dies macht Atracurium besonders geeignet für Patienten mit eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion.
Dosierung und Anwendung
Atracurium wird ausschließlich intravenos (i.v.) verabreicht und darf nur von entsprechend ausgebildetem medizinischem Personal in Einrichtungen mit Möglichkeit zur künstlichen Beatmung angewendet werden.
- Intubationsdosis: In der Regel 0,3–0,6 mg/kg Körpergewicht
- Aufrechterhaltungsdosis: 0,1–0,2 mg/kg Körpergewicht nach Bedarf oder als kontinuierliche Infusion
- Die genaue Dosierung richtet sich nach dem klinischen Zustand, Alter und Begleitmedikationen des Patienten
Nebenwirkungen
Wie alle Medikamente kann Atracurium Nebenwirkungen verursachen. Zu den häufigsten gehören:
- Histaminfreisetzung: Kann zu Hautrötung (Flush), Blutdruckabfall und in seltenen Fällen zu allergischen Reaktionen führen
- Vorübergehende Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) oder Tachykardie
- Bronchospasmus bei empfindlichen Patienten
- An der Injektionsstelle kann es zu lokalen Reizungen kommen
Schwere anaphylaktische Reaktionen sind selten, aber möglich und müssen sofort behandelt werden.
Abbauprodukt Laudanosin
Beim Abbau von Atracurium entsteht das Stoffwechselprodukt Laudanosin. In hohen Konzentrationen – wie sie bei langjähriger Intensivmedizinischer Anwendung auftreten können – kann Laudanosin das Zentralnervensystem stimulieren und theoretisch Krampfanfälle auslösen. Bei herkömmlicher Dosierung ist dies klinisch jedoch nicht relevant.
Gegenanzeigen und Wechselwirkungen
Atracurium sollte nicht oder nur unter strenger Überwachung angewendet werden bei:
- Bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Atracurium oder einem seiner Bestandteile
- Patienten mit Myasthenia gravis oder anderen neuromuskulären Erkrankungen (erhöhte Empfindlichkeit)
Wichtige Wechselwirkungen bestehen mit:
- Inhalationsanesthätika (verstärken die Wirkung von Atracurium)
- Bestimmten Antibiotika (z. B. Aminoglykoside) und Kalziumkanalblockern
- Anticholinesterasen wie Neostigmin (heben die Wirkung von Atracurium auf – werden zur Antagonisierung eingesetzt)
Antagonisierung und Aufhebung der Wirkung
Die muskelrelaxierende Wirkung von Atracurium kann durch die Gabe von Anticholinesterasen (z. B. Neostigmin in Kombination mit Atropin) aufgehoben werden. Diese Substanzen hemmen den Abbau von Acetylcholin und ermöglichen so eine Wiederherstellung der neuromuskulären Übertragung.
Quellen
- Fachinformation Atracurium-Besilat, Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), aktuell gültige Fassung.
- Butterworth JF, Mackey DC, Wasnick JD. Morgan & Mikhail's Clinical Anesthesiology, 6. Auflage. McGraw-Hill Education, 2018.
- Naguib M, Lien CA. Pharmacology of Muscle Relaxants and Their Antagonists. In: Miller RD (Hrsg.). Miller's Anesthesia, 8. Auflage. Elsevier, 2015.
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