Bimaxilläre Umstellungsosteotomie erklärt
Die bimaxilläre Umstellungsosteotomie ist ein kieferchirurgischer Eingriff, bei dem Ober- und Unterkiefer gleichzeitig operativ neu ausgerichtet werden, um Fehlstellungen zu korrigieren.
Wissenswertes über "Bimaxilläre Umstellungsosteotomie"
Die bimaxilläre Umstellungsosteotomie ist ein kieferchirurgischer Eingriff, bei dem Ober- und Unterkiefer gleichzeitig operativ neu ausgerichtet werden, um Fehlstellungen zu korrigieren.
Was ist die bimaxilläre Umstellungsosteotomie?
Die bimaxilläre Umstellungsosteotomie ist ein komplexer kieferorthopädisch-chirurgischer Eingriff, bei dem sowohl der Oberkiefer (Maxilla) als auch der Unterkiefer (Mandibula) gleichzeitig operativ durchtrennt und in eine neue, funktionell korrekte Position gebracht werden. Der Begriff „bimaxillär“ leitet sich vom lateinischen bi (zwei) und maxilla (Kiefer) ab und beschreibt die gleichzeitige Behandlung beider Kiefer. Der Eingriff gehört zur sogenannten orthognathen Chirurgie (Kieferumstellungschirurgie) und wird in Vollnarkose durchgeführt.
Indikationen – Wann wird der Eingriff durchgeführt?
Die bimaxilläre Umstellungsosteotomie wird eingesetzt, wenn schwerwiegende Kiefer- und Zahnfehlstellungen vorliegen, die allein durch eine kieferorthopädische Behandlung (Zahnspange) nicht korrigiert werden können. Typische Indikationen sind:
- Progenie (Unterbeiss): Der Unterkiefer steht deutlich vor dem Oberkiefer
- Retrognathie: Der Unterkiefer ist zu weit zurückversetzt
- Offener Biss: Ober- und Unterkiefer-Schneidezähne berühren sich beim Zubißen nicht
- Kreuzbiss: Quer- oder seitliche Fehlstellung der Kiefer zueinander
- Gesichtliche Asymmetrien: Ungleichmäßigkeiten im Gesichtsskelett
- Schlafapnoe: In bestimmten Fällen kann die Operation zur Erweiterung der Atemwege beitragen
- Funktionelle Beschwerden: Kauprobleme, Sprachstörungen oder Kiefergelenksbeschwerden
Vorbereitung und Planung
Dem Eingriff geht in der Regel eine mehrjährige kieferorthopädische Vorbehandlung mit einer Zahnspange voraus, um die Zähne in den Kiefern korrekt auszurichten. Die eigentliche chirurgische Planung erfolgt mithilfe von:
- Röntgenaufnahmen (Panoramaschichtaufnahme, Fernröntgenseitenbild)
- Digitaler 3D-Planung und Schädelmodellen
- Fotografischer Dokumentation
- Gebissabdrücken und Modelloperationen
In der modernen Planung kommen häufig computergestützte Simulationen und 3D-Druckmodelle zum Einsatz, um das Operationsergebnis vorherzusagen und individuelle Schienen (Okklusionsschienen) herzustellen.
Operationsablauf
Der Eingriff wird unter Vollnarkose durchgeführt und dauert in der Regel zwischen 3 und 6 Stunden. Die Schnitte erfolgen ausschließlich im Inneren des Mundes, sodass keine sichtbaren Narben im Gesicht entstehen.
Oberkiefer (Le Fort I Osteotomie)
Der Oberkiefer wird nach der sogenannten Le Fort I Technik horizontal durchtrennt und kann dann nach vorne, hinten, oben oder unten verschoben sowie rotiert werden. Die neue Position wird mit Titanschrauben und -platten stabil fixiert.
Unterkiefer (Sagittale Spaltosteotomie nach Obwegeser-Dal Pont)
Am Unterkiefer wird häufig die sagittale Spaltosteotomie durchgeführt. Dabei wird der aufsteigende Kieferast längs gespalten, sodass der Zahntragenden Anteil des Unterkiefers vorgeschoben, zurückgesetzt oder rotiert werden kann. Auch hier erfolgt die Fixierung mit Titanmaterial.
Während und nach der Positionierung werden die Zähne mithilfe vorbereiteter Okklusionsschienen in der geplanten Bisslage gesichert.
Nachsorge und Heilungsverlauf
Nach der Operation verbleiben Patientinnen und Patienten in der Regel 3 bis 5 Tage stationär im Krankenhaus. Die Nachsorge umfasst:
- Weichkost- oder Flüssigkosternährung für mehrere Wochen
- Regelmäßige Kontrolltermine beim Kieferchirurgen und Kieferorthopäden
- Schwellungsbehandlung (Kühlung, abschwellende Medikamente)
- Physiotherapie bei Kiefergelenksbeschwerden
- Kieferorthopädische Feineinstellung im Anschluss an die Operation
Die vollständige knöcherne Heilung dauert etwa 6 bis 12 Monate. Taubheitsgefühle im Bereich der Lippen, Wangen oder des Kinns sind häufig und bilden sich in den meisten Fällen innerhalb von Monaten bis zu einem Jahr zurück.
Risiken und Komplikationen
Wie bei jedem operativen Eingriff bestehen auch bei der bimaxillären Umstellungsosteotomie Risiken:
- Nervenschädigung: Vorübergehende oder selten dauerhafte Taubheit im Bereich des Nervus alveolaris inferior oder Nervus infraorbitalis
- Blutungen und Nachblutungen
- Infektionen im Operationsgebiet
- Knochenresorption oder unzureichende Knochenheilung
- Rückfall (Rezidiv) der Kieferposition
- Kiefergelenksveränderungen
- Allgemeine Narkoserisiken
Ergebnisse und Langzeitprognose
Die bimaxilläre Umstellungsosteotomie gilt als ein hocheffektives Verfahren mit stabilen Langzeitergebnissen. Studien zeigen hohe Zufriedenheitsraten bei Patientinnen und Patienten, sowohl hinsichtlich der Funktion (Kauen, Sprechen, Atmen) als auch der Ästhetik. Eine langjährige Zusammenarbeit zwischen Kieferchirurgen, Kieferorthopäden und gegebenenfalls weiteren Spezialisten ist für ein optimales Ergebnis entscheidend.
Quellen
- Proffit WR, White RP, Sarver DM. Contemporary Treatment of Dentofacial Deformity. Mosby, 2003.
- Obwegeser HL. Surgical correction of small or retrodisplaced maxillae. Plastic and Reconstructive Surgery, 1969.
- Deutsche Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG). Leitlinien zur orthognathen Chirurgie. AWMF-Register, 2020.
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