Digitoxin – Herzglykosid: Wirkung & Anwendung
Digitoxin ist ein herzwirksames Glykosid aus dem Roten Fingerhut, das bei Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern eingesetzt wird.
Wissenswertes über "Digitoxin"
Digitoxin ist ein herzwirksames Glykosid aus dem Roten Fingerhut, das bei Herzinsuffizienz und Vorhofflimmern eingesetzt wird.
Was ist Digitoxin?
Digitoxin ist ein herzwirksames Glykosid (Herzglykosid), das aus der Pflanze Digitalis purpurea (Roter Fingerhut) gewonnen wird. Es gehört zur Gruppe der Digitalispräparate und wird in der Kardiologie eingesetzt, um die Herzmuskelkraft zu steigern und den Herzrhythmus zu regulieren. Im Vergleich zum verwandten Wirkstoff Digoxin besitzt Digitoxin eine deutlich längere Halbwertszeit und wird hauptsächlich über die Leber abgebaut.
Indikationen
Digitoxin wird vorrangig bei folgenden Erkrankungen eingesetzt:
- Chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche), insbesondere bei eingeschränkter Pumpfunktion
- Vorhofflimmern und Vorhofflattern zur Kontrolle der Herzfrequenz
- Bestimmte Formen von supraventrikulären Tachykardien (Herzrasen, das im oberen Bereich des Herzens entsteht)
Wirkmechanismus
Digitoxin hemmt die Natrium-Kalium-ATPase, ein Enzym in der Herzmuskelzellmembran, das für den Transport von Natrium- und Kaliumionen zuständig ist. Durch diese Hemmung steigt die intrazelluläre Natriumkonzentration, was indirekt zu einem erhöhten Kalziumeinstrom in die Herzmuskelzelle führt. Dies verstärkt die Kontraktionskraft des Herzens (positiv inotrope Wirkung). Gleichzeitig verlangsamt Digitoxin über den Vagusnerv die Überleitung im Atrioventrikularknoten (AV-Knoten), was die Herzfrequenz senkt (negativ chronotrope Wirkung).
Dosierung und Anwendung
Digitoxin wird üblicherweise als Tablette eingenommen. Die Dosierung wird individuell angepasst und richtet sich nach dem klinischen Ansprechen sowie dem Serumspiegel des Wirkstoffs. Typische Erhaltungsdosen liegen im Bereich von 0,05 bis 0,1 mg pro Tag. Da Digitoxin hauptsächlich hepatisch (in der Leber) metabolisiert wird, kann es auch bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion eingesetzt werden – im Gegensatz zu Digoxin, das über die Nieren ausgeschieden wird.
Aufgrund der langen Halbwertszeit von etwa 5 bis 7 Tagen reichert sich Digitoxin im Körper langsam an. Regelmäßige Kontrollen des Serumspiegels sind daher wichtig, um eine Überdosierung zu vermeiden.
Nebenwirkungen
Digitoxin hat eine geringe therapeutische Breite, was bedeutet, dass der Unterschied zwischen einer wirksamen und einer toxischen Dosis klein ist. Mögliche Nebenwirkungen umfassen:
- Herzrhythmusstörungen (z. B. Bradykardie, ventrikuläre Extrasystolen, AV-Block)
- Gastrointestinale Beschwerden: Übelkeit, Erbrechen, Appetitlosigkeit, Durchfall
- Neurologische Symptome: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schwindel, Sehstörungen (Gelbsehen, Farbsehen)
- Digitalisintoxikation: Bei Überdosierung kann es zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen
Wechselwirkungen
Digitoxin kann mit zahlreichen Arzneimitteln wechselwirken:
- Kaliumsenkende Medikamente (z. B. Diuretika wie Furosemid): erhöhtes Risiko für Digitalistoxizität durch Hypokaliämie
- Antiarrhythmika (z. B. Amiodaron, Chinidin): können den Digitoxinspiegel erhöhen
- Kalziumantagonisten und Betablocker: verstärken die Verlangsamung der Herzfrequenz
- Antibiotika (z. B. Erythromycin): können die Resorption und den Spiegel von Digitoxin beeinflussen
Kontraindikationen
Digitoxin sollte nicht angewendet werden bei:
- Bekannter Überempfindlichkeit gegen Herzglykoside
- Ventrikulärer Tachykardie oder Kammerflimmern
- AV-Block zweiten oder dritten Grades (ohne Herzschrittmacher)
- Hypertrophischer obstruktiver Kardiomyopathie
- Schwerer Hypokaliämie oder Hyperkalzämie
Quellen
- Mutschler, E. et al. – Arzneimittelwirkungen: Pharmakologie, Klinische Pharmakologie, Toxikologie. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 10. Auflage (2013).
- Frishman, W.H. & Sica, D.A. – Cardiovascular Pharmacotherapeutics. Cardiology Clinics (2019).
- European Heart Rhythm Association (EHRA) / ESC Guidelines on the management of atrial fibrillation. European Heart Journal (2020). DOI: 10.1093/eurheartj/ehaa612
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