Folatrezeptor alpha (FOLR1) – Funktion & Krebs
Der Folatrezeptor alpha (FOLR1) ist ein zellständiges Protein, das Folat (Vitamin B9) bindet und in die Zelle transportiert. Er spielt eine wichtige Rolle in der Krebsforschung.
Wissenswertes über "Folatrezeptor alpha"
Der Folatrezeptor alpha (FOLR1) ist ein zellständiges Protein, das Folat (Vitamin B9) bindet und in die Zelle transportiert. Er spielt eine wichtige Rolle in der Krebsforschung.
Was ist der Folatrezeptor alpha?
Der Folatrezeptor alpha (auch FOLR1 genannt) ist ein spezialisiertes Transportprotein, das auf der Oberfläche bestimmter Körperzellen sitzt. Seine Hauptaufgabe besteht darin, Folat (Vitamin B9) aus dem Blut zu binden und in das Innere der Zelle zu schleusen. Folat ist ein lebensnotwendiges Vitamin, das für die Zellteilung, die DNA-Synthese und das Zellwachstum unentbehrlich ist.
Unter normalen Bedingungen ist FOLR1 nur in wenigen, spezifischen Geweben des Körpers vorhanden – zum Beispiel in der Niere, der Lunge und der Plazenta. Besondere medizinische Bedeutung erlangte der Rezeptor jedoch dadurch, dass er auf der Oberfläche vieler Tumorzellen in deutlich erhöhter Menge vorkommt.
Biologische Funktion
Folat ist für alle sich teilenden Zellen unverzichtbar, da es als Coenzym bei der Synthese von Nukleotiden – den Bausteinen der DNA – benötigt wird. Der Folatrezeptor alpha ermöglicht es Zellen, Folat auch bei niedrigen Konzentrationen im Blut effizient aufzunehmen. Der Mechanismus, über den dies geschieht, nennt sich Rezeptor-vermittelte Endozytose: Der Rezeptor bindet Folat, wird in die Zelle eingezogen und gibt das Folat im Zellinneren frei.
Bedeutung in der Onkologie
Krebszellen haben einen besonders hohen Bedarf an Folat, da sie sich unkontrolliert und sehr schnell teilen. Viele Tumore lösen dieses Problem, indem sie den Folatrezeptor alpha in großen Mengen auf ihrer Zelloberfläche produzieren (Überexpression). Besonders häufig findet sich diese Überexpression bei:
- Ovarialkarzinom (Eierstockkrebs) – in bis zu 90 % der Fälle
- Nicht-plattenepithelialen Lungenkarzinomen (Lungenkrebs)
- Endometriumkarzinom (Gebärmutterschleimhautkrebs)
- Triple-negativem Brustkrebs
- Mesotheliom (Rippenfellkrebs)
Da gesundes Gewebe den Rezeptor kaum trägt, bietet FOLR1 eine attraktive Zielstruktur („Target“) für gezielte Krebstherapien.
FOLR1 als therapeutisches Ziel
Die Überexpression von Folatrezeptor alpha auf Tumorzellen wird in der modernen Onkologie gezielt genutzt, um Krebsmedikamente möglichst präzise an den Tumor zu liefern und gesundes Gewebe zu schonen. Zu den wichtigsten therapeutischen Ansätzen gehören:
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC)
Bei dieser Therapieform wird ein Antikörper, der spezifisch an FOLR1 bindet, mit einem Zytostatikum (zelltötender Wirkstoff) verknüpft. Das Konjugat dockt gezielt an die Tumorzelle an, wird in die Zelle aufgenommen und gibt dort den zellschädigenden Wirkstoff frei. Ein Beispiel ist Mirvetuximab Soravtansin, das zur Behandlung von FOLR1-positivem Ovarialkarzinom zugelassen ist.
Monoklonale Antikörper
Monoklonale Antikörper können an FOLR1 binden und so das Wachstum von Tumorzellen hemmen oder das Immunsystem aktivieren, die Tumorzellen zu zerstören.
CAR-T-Zell-Therapie
In der Forschung werden auch CAR-T-Zellen (genetisch veränderte Immunzellen) entwickelt, die FOLR1 auf Tumorzellen erkennen und diese gezielt angreifen.
Folat-Konjugate
Hierbei werden Wirkstoffe oder bildgebende Substanzen direkt an Folat gekoppelt. Da der Folatrezeptor alpha das Folat-Molekül hochaffin bindet, werden solche Konjugate selektiv in die Tumorzellen aufgenommen. Dieses Prinzip findet auch in der Diagnostik Anwendung, zum Beispiel bei der Folat-Rezeptor-Szintigraphie.
Diagnostische Bedeutung
Die Bestimmung der FOLR1-Expression in Tumorgewebe ist heute ein wichtiger Schritt in der Therapieplanung. Mittels Immunhistochemie (Färbung von Gewebeproben) oder molekularer Analysen kann festgestellt werden, ob ein Tumor FOLR1 überexprimiert und ob der Patient oder die Patientin von einer FOLR1-gezielten Therapie profitieren kann. Die FOLR1-Testung wird daher als Biomarker-Diagnostik bezeichnet.
Sicherheit und Nebenwirkungen FOLR1-gezielter Therapien
Da Folatrezeptor alpha auch in einigen gesunden Geweben vorkommt (z. B. in Nierentubuluszellen), können FOLR1-gezielte Therapien in seltenen Fällen auch dort Nebenwirkungen verursachen. Zu den möglichen Nebenwirkungen gehören:
- Augenveränderungen (Keratopathie, Sehstörungen) – besonders bei ADCs
- Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
- Fatigue (Erschöpfung)
- Periphere Neuropathie (Nervenschmerzen in Händen und Füßen)
Diese Nebenwirkungen werden in klinischen Studien sorgfältig überwacht und durch unterstützende Maßnahmen behandelt.
Quellen
- Vergote I et al. - Mirvetuximab Soravtansin in FOLR1-Positive, Platinum-Resistant Ovarian Cancer. New England Journal of Medicine, 2023.
- Leamon CP, Reddy JA - Folate-targeted chemotherapy. Advanced Drug Delivery Reviews, 2004; 56(8):1127-1141.
- National Cancer Institute (NCI) - Folate Receptor Alpha as a Target for Cancer Therapy. cancer.gov, 2023.
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