Glycyrrhiza glabra – Süßholz: Wirkung & Anwendung
Glycyrrhiza glabra, bekannt als Süßholz, ist eine Heilpflanze mit langer Tradition. Ihre Wurzel liefert Glycyrrhizin und wird in der Medizin, Phytotherapie und Lebensmittelindustrie eingesetzt.
Wissenswertes über "Glycyrrhiza glabra"
Glycyrrhiza glabra, bekannt als Süßholz, ist eine Heilpflanze mit langer Tradition. Ihre Wurzel liefert Glycyrrhizin und wird in der Medizin, Phytotherapie und Lebensmittelindustrie eingesetzt.
Was ist Glycyrrhiza glabra?
Glycyrrhiza glabra, allgemein als Süßholz (auch: Echtes Süßholz) bekannt, ist eine mehrjährige Heil- und Nutzpflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae). Sie stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum, dem Nahen Osten und Zentralasien. Die getrocknete Wurzel der Pflanze wird seit Jahrtausenden sowohl in der traditionellen als auch in der modernen Medizin verwendet. Der lateinische Name glabra bedeutet „kahl“ und bezieht sich auf die glatten Blätter der Pflanze.
Wirkstoffe und Inhaltsstoffe
Die Wurzel von Glycyrrhiza glabra enthält eine Vielzahl bioaktiver Verbindungen, die für ihre pharmakologischen Eigenschaften verantwortlich sind:
- Glycyrrhizin (Glycyrrhizinsäure): Der Hauptwirkstoff, ein Triterpensaponin, das etwa 5–15 % des Trockengewichts der Wurzel ausmacht. Es ist etwa 50-mal süßer als Saccharose und verantwortlich für viele medizinische Wirkungen sowie potenzielle Nebenwirkungen.
- Glabridin: Ein Isoflavonoid mit antioxidativen, entzündungshemmenden und hautaufhellenden Eigenschaften.
- Liquiritin und Isoliquiritin: Flavonoide mit entzündungshemmender und antioxidativer Wirkung.
- Glycyrrhetinsäure: Das aktive Abbauprodukt von Glycyrrhizin im Körper, mit starker entzündungshemmender und immunmodulatorischer Wirkung.
- Polysaccharide, ätherische Öle und Cumarine: Weitere sekundäre Pflanzenstoffe mit synergistischer Wirkung.
Wirkmechanismus
Die pharmakologische Wirkung von Glycyrrhiza glabra ist vielschichtig und beruht vor allem auf den Eigenschaften von Glycyrrhizin und seinen Metaboliten:
- Entzündungshemmung: Glycyrrhizin und Glycyrrhetinsäure hemmen proinflammatorische Enzyme (z. B. Phospholipase A2, Cyclooxygenase) sowie die Ausschüttung von Entzündungsmediatoren wie Prostaglandinen und Leukotrienen.
- Antiviral: Glycyrrhizin zeigt in Studien antivirale Aktivität gegen verschiedene Viren, darunter Herpes-simplex-Viren, Influenzaviren und Hepatitis-C-Viren, unter anderem durch Hemmung der viralen Replikation.
- Schleimhautschutz (Demulgens): Süßholzextrakt fördert die Schleimbildung im Magen-Darm-Trakt und schützt so die Schleimhaut vor Reizungen und Magensaure.
- Expektorans und Antitussivum: Süßholzwurzel verflüssigt den Schleim in den Atemwegen und erleichtert das Abhusten.
- Immunmodulation: Bestimmte Inhaltsstoffe können das Immunsystem modulieren und haben adaptogene Eigenschaften.
- Hemmung des Kortisol-Abbaus: Glycyrrhizin hemmt das Enzym 11-beta-Hydroxysteroid-Dehydrogenase Typ 2, wodurch Kortisol länger im Körper wirksam bleibt. Dies erklärt sowohl entzündungshemmende Wirkungen als auch Nebenwirkungen wie Bluthochdruck bei hohen Dosen.
Traditionelle Verwendung
Glycyrrhiza glabra gehört zu den ältesten bekannten Heilpflanzen der Menschheit. In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wird Süßholz seit über 4.000 Jahren als „harmonisierendes Kraut“ eingesetzt, das andere Heilmittel in ihrer Wirkung unterstützt. Im Ayurveda (indische Medizin) ist die Pflanze als Yashtimadhu bekannt und wird bei Erkrankungen der Atemwege und des Verdauungssystems verwendet. Auch in der europäischen Volksmedizin des Mittelalters spielte Süßholz eine bedeutende Rolle als Heilmittel für Husten, Halsschmerzen und Magenprobleme.
Medizinische Anwendungsgebiete
Auf Basis von wissenschaftlichen Studien und traditioneller Erfahrung wird Glycyrrhiza glabra bei folgenden Beschwerden und Erkrankungen eingesetzt:
Atemwegserkrankungen
Süßholzwurzelextrakt wird häufig bei Husten, Bronchitis, Halsschmerzen und Katarrhen der oberen Atemwege eingesetzt. Die schleimlösende und beruhigende Wirkung ist gut belegt. Das Europäische Arzneibuch führt Süßholzwurzel als offizinelle Droge für diesen Anwendungsbereich.
Magen-Darm-Erkrankungen
Traditionell und durch klinische Studien gestützt, wird Süßholz bei Gastritis, Magengeschwtüren (peptisches Ulkus), Säurer Reflux (GERD) und Reizdarmsyndrom eingesetzt. Deglycyrrhiziniertes Süßholz (DGL – Deglycyrrhizinated Licorice) ist eine verbreitete Supplementform, bei der Glycyrrhizin weitgehend entfernt wurde, um Nebenwirkungen zu minimieren.
Leber und antivirale Wirkungen
In der Hepatologie (Lehre der Lebererkrankungen) wird Glycyrrhizin intravenoes zur unterstützenden Therapie bei chronischer Hepatitis B und C eingesetzt, insbesondere in Japan. Studien zeigen hepatoprotektive (leberschutzende) Effekte.
Haut und äußerliche Anwendung
Glabridin aus Süßholz wird in der Dermatologie und Kosmetik wegen seiner antioxidativen, entzündungshemmenden und hautaufhellenden Eigenschaften eingesetzt. Es findet Anwendung bei Hyperpigmentierung, Ekzemen und atopischer Dermatitis.
Weitere potenzielle Anwendungen
Aktuelle Forschungen untersuchen das Potenzial von Glycyrrhiza glabra bei:
- Metabolischem Syndrom und Typ-2-Diabetes (blutzuckersenkende Effekte von Glabridin)
- Neurodegenerativen Erkrankungen (antioxidativer Schutz)
- Antiviraler Therapie (z. B. COVID-19-Forschung)
- Hormonellen Störungen (schwach östrogene Wirkung der Isoflavonoide)
Dosierung und Einnahme
Die empfohlene Dosierung von Süßholzwurzel variiert je nach Anwendungsform und Indikation:
- Tee (Aufguss): 1–5 g getrocknete Wurzel pro Tasse, bis zu 3-mal täglich
- Extrakt (standardisiert): Nach Herstellerangaben; typischerweise 200–600 mg Trockenextrakt pro Tag
- DGL-Tabletten (deglycyrrhiziniert): 380–1.140 mg vor den Mahlzeiten, bei Magen-Darm-Beschwerden
- Anwendungsdauer: Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) und das Komitee für pflanzliche Arzneimittel (HMPC) empfehlen, Süßholzprodukte mit Glycyrrhizin nicht länger als 4–6 Wochen ohne ärztliche Rücksprache einzunehmen.
Nebenwirkungen und Sicherheit
Bei moderater, kurzfristiger Anwendung gilt Glycyrrhiza glabra als gut verträglich. Bei übermäßigem oder langfristigem Konsum können jedoch ernstzunehmende Nebenwirkungen auftreten:
- Pseudoaldosteronismus: Glycyrrhizin hemmt den Kortisol-Abbau und führt so zu einer aldosteronähnlichen Wirkung: Natrium- und Wasserretention, Kaliumverlust (Hypokaliämie), Bluthochdruck und Ödeme.
- Herzrhythmusstörungen: Durch die Hypokaliämie kann es zu Herzrhythmusstörungen kommen.
- Muskelschwtäche: Infolge des Kaliumverlustes.
- Hormonsystem: Wegen der schwach östrogenen Wirkung sollten Personen mit östrogenabhängigen Erkrankungen (z. B. Brustkrebs) Süßholz meiden.
Gegenanzeigen (Kontraindikationen)
Glycyrrhiza glabra (mit Glycyrrhizin) sollte nicht eingenommen werden bei:
- Bluthochdruck (Hypertonie)
- Schwere Leber- oder Nierenerkrankungen
- Hypokaliämie (Kaliummangel)
- Schwangerschaft und Stillzeit
- Herzinsuffizienz oder Herzrhythmusstörungen
- Östrogenabhängigen Tumoren
Wechselwirkungen
Süßholz kann mit verschiedenen Medikamenten und Substanzen interagieren:
- Blutdruckmittel: Verminderte Wirksamkeit durch blutdruckerhöhenden Effekt von Glycyrrhizin
- Diuretika: Verstärkter Kaliumverlust
- Kortikosteroide: Verstärkung der Wirkung und Nebenwirkungen
- Herzglykoside (z. B. Digoxin): Erhöhtes Risiko für Vergiftungserscheinungen durch Hypokaliämie
- Orale Kontrazeptiva: Mögliche Wechselwirkungen durch hormonelle Effekte
Quellen
- European Medicines Agency (EMA) / HMPC: Assessment report on Glycyrrhiza glabra L. and/or Glycyrrhiza inflata Bat. and/or Glycyrrhiza uralensis Fisch., radix. EMA/HMPC/571119/2010. London, 2012.
- Fiore, C. et al.: A history of the therapeutic use of liquorice in Europe. Journal of Ethnopharmacology, 99(3), 317–324, 2005. DOI: 10.1016/j.jep.2005.04.015
- Pastorino, G. et al.: Liquorice (Glycyrrhiza glabra): A phytochemical and pharmacological review. Phytotherapy Research, 32(12), 2323–2339, 2018. DOI: 10.1002/ptr.6178
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