Kapillaroskopie – Untersuchung der Kapillaren
Die Kapillaroskopie ist eine schmerzlose Untersuchungsmethode zur Beurteilung der kleinsten Blutgefäße (Kapillaren) an den Nagelfalzen. Sie dient der Frühdiagnose von Gefäßerkrankungen.
Wissenswertes über "Kapillaroskopie"
Die Kapillaroskopie ist eine schmerzlose Untersuchungsmethode zur Beurteilung der kleinsten Blutgefäße (Kapillaren) an den Nagelfalzen. Sie dient der Frühdiagnose von Gefäßerkrankungen.
Was ist die Kapillaroskopie?
Die Kapillaroskopie (auch Kapillarmikroskopie genannt) ist ein nicht-invasives, bildgebendes Untersuchungsverfahren, bei dem die kleinen Blutgefäße an den Nagelfalzen – also dem Hautbereich unmittelbar hinter den Fingernägeln – unter einem Spezialmikroskop sichtbar gemacht werden. Die Untersuchung ist schmerzlos, strahlenarm und dauert in der Regel nur wenige Minuten. Sie ermöglicht es Ärztinnen und Ärzten, Veränderungen in der Struktur und dem Blutfluss der Kapillaren direkt zu beurteilen.
Wann wird die Kapillaroskopie eingesetzt?
Die Kapillaroskopie wird vor allem in der Rheumatologie und Angiologie (Gefäßmedizin) eingesetzt. Typische Anwendungsbereiche sind:
- Abklärung des Raynaud-Phänomens (anfallartige Durchblutungsstörungen der Finger)
- Frühdiagnose der systemischen Sklerose (Sklerodermie)
- Differenzialdiagnose von Kollagenosen und anderen Autoimmunerkrankungen
- Überwachung des Krankheitsverlaufs bei Bindegewebserkrankungen
- Beurteilung von Mikrozirkulationsstörungen bei verschiedenen systemischen Erkrankungen
Wie funktioniert die Untersuchung?
Für die Untersuchung wird ein Tropfen Öl auf den Nagelfalz aufgetragen, um die Haut transparenter zu machen. Anschließend wird mit einem speziellen Vergrößerungsmikroskop – dem sogenannten Kapillaroskop oder Videomikroskop – die Nagelfalzkapillaren bei einer Vergrößerung von typischerweise 100- bis 200-fach betrachtet und fotografisch dokumentiert. Dabei werden Struktur, Form, Anordnung, Dichte und der Blutfluss der Kapillaren beurteilt.
Was sind normale und veränderte Befunde?
Normalbefund
Gesunde Kapillaren zeigen ein regelmäßiges, haarnadelförmiges Muster (sogenannte Haarnadel- oder Loop-Morphologie), eine gleichmäßige Dichte und einen gleichmäßigen Blutfluss ohne auffällige Vergrößerungen oder strukturelle Veränderungen.
Pathologische Befunde
Bei Erkrankungen wie der systemischen Sklerose finden sich charakteristische Veränderungen:
- Megakapillaren: stark vergrößerte Kapillarschleifen
- Kapillarverlust: reduzierte Kapillardichte (avaskulare Areale)
- Blutungen: kleine Einblutungen entlang der Nagelfalzkapillaren
- Verzweigungen und Desorganisation: unregelmäßige, buschförmige oder verzweigte Kapillaren
- Verlangsamter Blutfluss: Mikrozirkulationsstörungen
Diese Veränderungen werden im sogenannten Scleroderma-Muster zusammengefasst und helfen, eine prima¨r vom Raynaud-Phänomen abzugrenzende sekundäre Ursache frühzeitig zu erkennen.
Klinische Bedeutung und Diagnose
Die Kapillaroskopie gilt als Goldstandard in der Frühdiagnose der systemischen Sklerose. Laut den Klassifikationskriterien des American College of Rheumatology (ACR) und der European Alliance of Associations for Rheumatology (EULAR) aus dem Jahr 2013 gehören kapillaroskopische Veränderungen zu den diagnostisch relevanten Kriterien. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es, rechtzeitig therapeutische Maßnahmen einzuleiten und Organschäden zu verzögern oder zu verhindern.
Vorteile und Grenzen der Methode
Die Kapillaroskopie bietet zahlreiche Vorteile:
- Nicht-invasiv und schmerzlos
- Keine Strahlenbelastung
- Kostengünstig und schnell durchführbar
- Reproduzierbare Ergebnisse bei standardisierter Durchführung
Allerdings hat die Methode auch Grenzen:
- Ergebnisse sind von der Erfahrung des Untersuchenden abhängig
- Hautveränderungen oder Verletzungen im Nagelfalzbereich können die Beurteilung erschweren
- Die Methode erlaubt keine direkte Aussage über Organmikrozirkulation
Quellen
- Cutolo M, Sulli A, Pizzorni C, Accardo S. Nailfold videocapillaroscopy assessment of microvascular damage in systemic sclerosis. Journal of Rheumatology, 2000;27(1):155-160. Verfügbar auf PubMed.
- van den Hoogen F et al. 2013 Classification Criteria for Systemic Sclerosis. Arthritis & Rheumatism, 2013;65(11):2737-2747. DOI: 10.1002/art.38098.
- Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh). S2k-Leitlinie Systemische Sklerose (Sklerodermie), 2021. Verfügbar unter: www.awmf.org.
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