Komplementverbrauch – Definition & klinische Bedeutung
Komplementverbrauch beschreibt die Aktivierung und den Abbau von Komplementproteinen im Blut. Er ist ein wichtiger Marker bei Autoimmunerkrankungen und Infektionen.
Wissenswertes über "Komplementverbrauch"
Komplementverbrauch beschreibt die Aktivierung und den Abbau von Komplementproteinen im Blut. Er ist ein wichtiger Marker bei Autoimmunerkrankungen und Infektionen.
Was ist Komplementverbrauch?
Der Komplementverbrauch bezeichnet den Vorgang, bei dem Proteine des Komplementsystems – einem Teil des angeborenen Immunsystems – aktiviert und dabei verbraucht werden. Das Komplementsystem besteht aus einer Reihe von Eiweißmolekülen im Blut, die bei der Abwehr von Krankheitserregern und bei Entzündungsreaktionen eine zentrale Rolle spielen. Werden diese Proteine in großem Umfang aktiviert, sinkt ihre Konzentration im Blut messbar ab – man spricht von Komplementverbrauch oder Komplementerniedrigung.
Das Komplementsystem: Grundlagen
Das Komplementsystem umfasst mehr als 30 Proteine, die im Blutplasma zirkulieren. Es kann über drei Wege aktiviert werden:
- Klassischer Weg: Aktivierung durch Antigen-Antikörper-Komplexe (Immunkomplexe)
- Lektinweg: Aktivierung durch Zuckerstrukturen auf Krankheitserregeroberflächen
- Alternativer Weg: Spontane Aktivierung durch Fremdoberflächen
Bei jeder Aktivierung werden Komplementproteine gespalten und weiterverarbeitet, was letztlich zur Zerstörung von Krankheitserregern, zur Förderung von Entzündungsreaktionen und zur Markierung von Fremdstoffen für die Phagozytose (Aufnahme durch Immunzellen) führt.
Ursachen des Komplementverbrauchs
Ein erhöhter Komplementverbrauch tritt auf, wenn das Immunsystem stark aktiviert ist. Häufige Ursachen sind:
- Autoimmunerkrankungen: Besonders bei Systemischem Lupus erythematodes (SLE) und anderen Erkrankungen mit Immunkomplexbildung
- Infektionen: Schwere bakterielle oder virale Infektionen können das Komplementsystem stark beanspruchen
- Hämolytisch-urämisches Syndrom (HUS): Eine Erkrankung mit unkontrollierter Komplementaktivierung
- Kryoglobulinämie: Ablagerung von Kälteglobulinen, die Immunkomplexe bilden
- Membranoproliferative Glomerulonephritis (MPGN): Eine Nierenerkrankung mit dauerhafter Komplementaktivierung
- Hereditäres Angioödem: Genetisch bedingter Komplementmangel mit rückläufigen Komplementspiegeln
Diagnostik: Messen des Komplementverbrauchs
Der Komplementverbrauch wird im Blut durch die Bestimmung der Komplementfaktoren nachgewiesen. Die wichtigsten Laborparameter sind:
- C3 und C4: Die am häufigsten gemessenen Einzelfaktoren. Erniedrigung deutet auf aktiven Verbrauch hin.
- CH50 (Gesamthämolytische Komplementaktivität): Ein Funktionstest, der die Gesamtaktivität des klassischen Weges misst.
Eine erniedrigte C3- und C4-Konzentration kombiniert mit klinischen Symptomen gibt wichtige Hinweise auf aktive Autoimmunerkrankungen wie SLE. Bei isoliert erniedrigtem C4 ist auch an einen genetischen C4-Mangel zu denken.
Klinische Bedeutung
Der Nachweis eines Komplementverbrauchs hilft Ärzten dabei, den Aktivitätsgrad einer Erkrankung zu beurteilen, eine Therapie anzupassen und den Krankheitsverlauf zu überwachen. Besonders bei SLE-Patienten wird der Komplementspiegel regelmäßig kontrolliert, da sinkende Werte einen Krankheitsschub ankündigen können. Auch bei der Diagnostik seltener Komplement-assoziierter Erkrankungen wie der paroxysmalen nächtlichen Hämoglobinurie (PNH) oder dem atypischen HUS spielt die Komplementdiagnostik eine zentrale Rolle.
Behandlung
Die Behandlung des Komplementverbrauchs richtet sich nach der Grunderkrankung:
- Autoimmunerkrankungen: Immunsuppressive Therapie (z. B. Kortikosteroide, Hydroxychloroquin, Azathioprin) zur Reduktion der Immunkomplexbildung
- Komplement-Inhibitoren: Bei Erkrankungen wie dem atypischen HUS oder der PNH werden spezifische Medikamente wie Eculizumab eingesetzt, die direkt das Komplementsystem hemmen
- Infektionsbehandlung: Antibiotika oder antivirale Mittel bei infektiös bedingtem Komplementverbrauch
Quellen
- Walport, M. J. - Complement. First of two parts. New England Journal of Medicine, 344(14), 1058–1066 (2001). DOI: 10.1056/NEJM200104053441406
- Mayadas, T. N., Tsokos, G. C., Tsuboi, N. - Mechanisms of immune complex-mediated neutrophil recruitment and tissue injury. Circulation, 120(20), 2012–2024 (2009).
- Schifferli, J. A., Ng, Y. C., Peters, D. K. - The role of complement and its receptor in the elimination of immune complexes. New England Journal of Medicine, 315(8), 488–495 (1986).
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