Kryptorchismus: Ursachen, Symptome & Behandlung
Kryptorchismus bezeichnet das Ausbleiben des Hodenabstiegs in den Hodensack. Er gehört zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen bei Jungen.
Wissenswertes über "Kryptorchismus"
Kryptorchismus bezeichnet das Ausbleiben des Hodenabstiegs in den Hodensack. Er gehört zu den häufigsten angeborenen Fehlbildungen bei Jungen.
Was ist Kryptorchismus?
Kryptorchismus (von griechisch kryptos = verborgen und orchis = Hoden) bezeichnet einen Zustand, bei dem ein oder beide Hoden nicht in den Hodensack abgestiegen sind. Während der fetalen Entwicklung wandern die Hoden aus dem Bauchraum durch den Leistenkanal in den Hodensack. Bleibt dieser Abstieg aus oder ist er unvollständig, spricht man von Kryptorchismus. Es handelt sich um eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen des männlichen Urogenitaltrakts.
Häufigkeit und Vorkommen
Kryptorchismus betrifft etwa 2–4 % aller reif geborenen männlichen Neugeborenen. Bei Frühgeborenen ist die Rate deutlich höher und kann bis zu 30 % betragen. In vielen Fällen steigt der Hoden innerhalb der ersten Lebensmonate spontan ab, sodass die Rate im ersten Lebensjahr auf etwa 1 % zurückgeht.
Ursachen
Die genauen Ursachen des Kryptorchismus sind nicht vollständig geklärt. Folgende Faktoren können eine Rolle spielen:
- Hormonelle Störungen: Ein Mangel an Gonadotropinen (LH, FSH) oder Testosteron kann den Hodenabstieg beeinträchtigen.
- Genetische Faktoren: Mutationen in bestimmten Genen, die den Hormonhaushalt oder die Entwicklung des Urogenitaltrakts steuern.
- Mechanische Hindernisse: Anatomische Anomalien im Leistenkanal oder im Hodensack.
- Frühgeburt: Da der Hodenabstieg meist im letzten Schwangerschaftsdrittel stattfindet, sind Frühgeborene besonders häufig betroffen.
- Umweltfaktoren: Es wird diskutiert, ob bestimmte Umweltchemikalien (endokrine Disruptoren) den Hodenabstieg beeinflussen können.
Symptome und Erscheinungsformen
Das Hauptmerkmal des Kryptorchismus ist das Fehlen eines oder beider Hoden im Hodensack. Man unterscheidet verschiedene Formen:
- Echter Kryptorchismus: Der Hoden liegt im Bauchraum oder Leistenkanal und lässt sich nicht in den Hodensack verschieben.
- Gleithoden: Der Hoden lässt sich in den Hodensack ziehen, gleitet aber wieder zurück.
- Pendelhoden: Der Hoden kann durch einen übermäßig aktiven Kremasterreflex zeitweise in den Leistenkanal hochgezogen werden, liegt jedoch von Natur aus im Hodensack (meist keine Behandlung erforderlich).
- Ektoper Hoden: Der Hoden ist außerhalb seines normalen Abstiegspfades positioniert.
In der Regel verursacht Kryptorchismus keine Schmerzen, kann aber das Risiko für spätere Komplikationen erhöhen.
Diagnose
Die Diagnose wird in der Regel durch körperliche Untersuchung gestellt. Dabei tastet der Arzt den Hodensack und den Leistenbereich ab. Zusätzliche Untersuchungen können sein:
- Ultraschall: Zur Lokalisierung nicht tastbarer Hoden im Leistenkanal oder Bauchraum.
- MRT (Magnetresonanztomographie): Bei nicht auffindbarern Hoden zur genauen Lagebestimmung.
- Laparoskopie: Ein minimalinvasiver chirurgischer Eingriff, der sowohl zur Diagnose als auch zur Behandlung eingesetzt werden kann.
- Hormonelle Tests: Messung von Testosteron und Gonadotropinen zur Beurteilung der Hodenfunktion.
Mögliche Komplikationen
Unbehandelter Kryptorchismus kann zu folgenden Komplikationen führen:
- Eingeschränkte Fruchtbarkeit: Die erhöhte Körpertemperatur im Bauchraum schädigt die Spermienproduktion.
- Erhöhtes Hodentumorrisiko: Das Risiko für Hodenkrebs ist bei Betroffenen zwei- bis achtmal höher als bei der Allgemeinbevölkerung.
- Hodentorsion: Eine Verdrehung des Samenstrangs, die zu einem akuten Notfall führen kann.
- Leistenbruch: Häufig tritt gleichzeitig ein offener Processus vaginalis auf, der zu einem Leistenbruch führen kann.
- Psychologische Auswirkungen: Das äußerliche Erscheinungsbild kann bei älteren Kindern zu psychischem Stress führen.
Behandlung
Eine frühzeitige Behandlung wird empfohlen, idealerweise zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat. Die Behandlungsoptionen umfassen:
Hormontherapie
In bestimmten Fällen kann eine Behandlung mit humanem Choriongonadotropin (hCG) oder GnRH (Gonadotropin-Releasing-Hormon) versucht werden, um den Hodenabstieg hormonell zu fördern. Die Erfolgsrate ist jedoch begrenzt und liegt bei etwa 15–20 %.
Chirurgische Behandlung (Orchidopexie)
Die Orchidopexie ist der Goldstandard der Behandlung. Dabei wird der Hoden operativ in den Hodensack verlagert und dort fixiert. Der Eingriff wird in der Regel laparoskopisch oder offen-chirurgisch durchgeführt und gilt als sicher und effektiv. Eine frühzeitige Operation verbessert die Prognose hinsichtlich Fertilität und reduziert das Tumorrisiko.
Prognose
Bei frühzeitiger Behandlung ist die Prognose insgesamt gut. Die Fertilität kann bei einseitigem Kryptorchismus meist erhalten werden. Bei beidseitigem Befall ist die Fruchtbarkeit stärker eingeschränkt. Regelmäßige Nachsorgeuntersuchungen sind wichtig, um Spätfolgen frühzeitig zu erkennen.
Quellen
- Radmayr C. et al. - EAU Guidelines on Paediatric Urology. European Association of Urology, 2023.
- Hutson J.M. et al. - Cryptorchidism. Seminars in Pediatric Surgery, 2010; 19(3): 215–224.
- Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH) - Leitlinie Maldeszensus testis, AWMF-Register Nr. 006/022, 2019.
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