Misophonie: Ursachen, Symptome & Behandlung
Misophonie ist eine Erkrankung, bei der bestimmte Alltagsgeräusche wie Kauen oder Schmatzen starke emotionale Reaktionen auslösen. Betroffene reagieren mit Wut, Ekel oder Angst.
Wissenswertes über "Misophonie"
Misophonie ist eine Erkrankung, bei der bestimmte Alltagsgeräusche wie Kauen oder Schmatzen starke emotionale Reaktionen auslösen. Betroffene reagieren mit Wut, Ekel oder Angst.
Was ist Misophonie?
Misophonie (von griech. misos = Hass und phone = Stimme/Laut) ist eine neurologisch-psychiatrische Störung, bei der bestimmte, oft repetitive Alltagsgeräusche intensive negative emotionale Reaktionen hervorrufen. Der Begriff wurde Anfang der 2000er-Jahre von den Neurowissenschaftlern Pawel und Margaret Jastreboff geprägt. Anders als bei einer allgemeinen Geräuschempfindlichkeit (Überakusis) richtet sich die Misophonie gezielt gegen spezifische Auslösegeräusche, sogenannte Trigger.
Ursachen
Die genauen Ursachen der Misophonie sind noch nicht vollständig geklärt. Aktuelle Forschungen deuten auf eine veränderte Verarbeitung von Sinnesreizen im Gehirn hin, insbesondere in Bereichen, die für Emotionen und autonome Reaktionen zuständig sind.
- Neurologische Faktoren: Bildgebende Studien zeigen eine erhöhte Aktivität in der Amygdala und im anterioren Inselkortex bei Betroffenen.
- Genetische Komponente: Es gibt Hinweise auf eine familiäre Häufung, was auf eine genetische Beteiligung hindeutet.
- Psychologische Faktoren: Misophonie tritt häufig gemeinsam mit Angststörungen, Zwangsstörungen (OCD) oder dem Tourette-Syndrom auf.
- Konditionierung: In einigen Fällen entwickelt sich die Störung nach einem negativen Erlebnis, das mit einem bestimmten Geräusch verknüpft wurde.
Symptome
Die Symptome der Misophonie können in ihrer Intensität stark variieren. Häufige Triggergeräusche sind Kaugeräusche, Schmatzen, Schniefen, Atemgeräusche, das Tippen auf Tastaturen oder Stiftgekritzel.
- Emotionale Reaktionen: Intensiver Ekel, Wut, Angst oder Panik als unmittelbare Reaktion auf Triggergeräusche.
- Körperliche Reaktionen: Erhöhter Herzschlag, Schweißausbrüche, Muskelanspannung oder das Gefühl, die Situation sofort verlassen zu müssen.
- Vermeidungsverhalten: Betroffene meiden soziale Situationen wie gemeinsame Mahlzeiten oder öffentliche Plätze, um Triggergeräuschen aus dem Weg zu gehen.
- Soziale Beeinträchtigung: Belastete Beziehungen zu Familienmitgliedern, Freunden oder Arbeitskollegen.
Diagnose
Misophonie ist bislang nicht als eigenständige Diagnose im DSM-5 (Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen) oder der ICD-11 gelistet, wird jedoch zunehmend in der medizinischen Gemeinschaft anerkannt. Die Diagnose erfolgt durch:
- Ein ausführliches klinisches Gespräch (Änamnese) mit einem Spezialisten für Hörstörungen, Psychiatrie oder Neurologie.
- Standardisierte Fragebögen wie die Amsterdam Misophonia Scale (A-MISO-S) oder die MisoQuest-Skala.
- Ausschluss anderer Erkrankungen wie Überakusis, Tinitus oder Angststörungen.
Behandlung
Eine spezifische, einheitliche Behandlungsleitlinie für Misophonie existiert noch nicht. Verschiedene Therapieansätze zeigen jedoch vielversprechende Ergebnisse:
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT)
Die kognitive Verhaltenstherapie ist derzeit die am besten untersuchte Therapieform. Sie hilft Betroffenen, ihre emotionalen Reaktionen auf Triggergeräusche zu verstehen und zu verändern sowie Vermeidungsverhalten schrittweise abzubauen.
Tinnitus Retraining Therapy (TRT)
Die ursprünglich für Tinitus entwickelte TRT wird auch bei Misophonie eingesetzt. Durch Desensibilisierungsstrategien und Rauschgeneratoren wird versucht, die Reaktion auf Triggergeräusche abzuschwächen.
Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT)
Elemente der DBT, insbesondere Achtsamkeitsübungen und Techniken zur Emotionsregulation, können Betroffenen helfen, besser mit intensiven emotionalen Reaktionen umzugehen.
Medikamentöse Therapie
Es gibt keine spezifisch zugelassenen Medikamente für Misophonie. In Einzelfällen werden bei gleichzeitig bestehenden Angst- oder Zwangsstörungen selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) eingesetzt.
Leben mit Misophonie
Viele Betroffene entwickeln eigene Strategien, um den Alltag besser zu bewältigen. Dazu gehören das Tragen von Kopfhörern, das Abspielen von Hintergrundmusik oder weissem Rauschen sowie das offene Kommunizieren mit dem sozialen Umfeld über die Erkrankung. Eine frühzeitige Aufklärung und ein verständnisvolles Umfeld können die Lebensqualität erheblich verbessern.
Quellen
- Jastreboff, M. M. & Jastreboff, P. J. (2002). Components of decreased sound tolerance: hyperacusis, misophonia, phonophobia. ITHS News Lett., 2, 5-7.
- Schroeder, A. E., Vulink, N. C. & Denys, D. (2013). Misophonia: Diagnostic Criteria for a New Psychiatric Disorder. PLOS ONE, 8(1), e54706. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0054706
- Brout, J. J. et al. (2018). Investigating Misophonia: A Review of the Empirical Literature, Clinical Implications, and a Research Agenda. Frontiers in Neuroscience, 12, 36. https://doi.org/10.3389/fnins.2018.00036
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