Polytrauma – Ursachen, Symptome & Behandlung
Polytrauma bezeichnet gleichzeitige schwere Verletzungen mehrerer Körperregionen, die lebensbedrohlich sind. Schnelle Notfallversorgung ist entscheidend.
Wissenswertes über "Polytrauma"
Polytrauma bezeichnet gleichzeitige schwere Verletzungen mehrerer Körperregionen, die lebensbedrohlich sind. Schnelle Notfallversorgung ist entscheidend.
Was ist ein Polytrauma?
Als Polytrauma bezeichnet man das gleichzeitige Auftreten von zwei oder mehr schweren Verletzungen an verschiedenen Körperregionen, wobei mindestens eine dieser Verletzungen für sich allein oder in Kombination mit den anderen lebensbedrohlich ist. Der Begriff stammt aus dem Griechischen: poly bedeutet „viel“ und trauma bedeutet „Verletzung“. Ein Polytrauma stellt einen der schwersten medizinischen Notfälle dar und erfordert sofortige, koordinierte intensivmedizinische Versorgung.
Ursachen
Polytraumata entstehen häufig durch Ereignisse mit großer Krafteinwirkung auf den Körper. Zu den typischen Ursachen gehören:
- Verkehrsunfälle (häufigste Ursache): PKW-, Motorrad- oder Fahradunfälle
- Sturz aus großer Höhe: z. B. vom Baugerüst oder Dach
- Arbeitsunfälle: Maschinen- oder Baustellenunfälle
- Sportunfälle: z. B. schwere Ski- oder Kletterunfälle
- Gewalteinwirkung: Schuss- oder Stichverletzungen, Körperverletzung
- Explosionen oder Einwirkung von Druckwellen
Symptome und Verletzungsmuster
Ein Polytrauma kann nahezu alle Körperregionen betreffen. Typische Verletzungskombinationen umfassen:
- Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Bewusstlosigkeit, neurologische Ausfälle
- Thoraxtrauma: Rippenbruch, Pneumothorax (Lungenkollaps), Herzverletzungen
- Abdominaltrauma: Verletzungen innerer Organe wie Milz, Leber oder Darm
- Beckenfrakturen: massive innere Blutungen möglich
- Wirbelsäulenverletzungen: Gefahr von Lähmungen
- Extremitätenfrakturen: offene oder geschlossene Knochenbruch
Zusätzlich können systemische Reaktionen auftreten, darunter hämorrhagischer Schock (lebensbedrohlicher Blutverlust), Gerinnungsstörungen und Organversagen.
Diagnose
Die Diagnostik beim Polytrauma muss schnell und strukturiert erfolgen, da jede Minute zählt. Dabei kommen folgende Verfahren zum Einsatz:
- ABCDE-Schema der Notfallmedizin: systematische Erstuntersuchung (Airway, Breathing, Circulation, Disability, Exposure)
- Ganzkörper-CT (Traumaspirale): Goldstandard zur schnellen Gesamtbeurteilung aller verletzten Strukturen
- Sonographie (FAST): Focused Assessment with Sonography in Trauma – schneller Ultraschall zur Erkennung von Blutungen im Bauch- und Brustbereich
- Röntgenuntersuchungen: insbesondere Thorax und Becken
- Labordiagnostik: Blutbild, Gerinnungswerte, Blutgasanalyse
Zur Einschätzung des Verletzungsschweregrads wird häufig der Injury Severity Score (ISS) verwendet. Ein ISS-Wert von 16 oder mehr gilt als schweres Trauma.
Behandlung
Präklinische Versorgung
Die Erstversorgung am Unfallort durch Rettungsdienst und Notarzt umfasst die Sicherung der Atemwege, Blutstillung, Immobilisation der Wirbelsäule sowie den schnellstmöglichen Transport in ein Traumazentrum. Das Prinzip „Load and Go“ (schnell transportieren) hat Priorität gegenüber langwieriger Behandlung vor Ort.
Klinische Akutversorgung
Im Traumazentrum übernimmt ein interdisziplinäres Team – bestehend aus Unfallchirurgen, Anästhesisten, Neurochirurgen und weiteren Spezialisten – die Versorgung. Ziele sind:
- Kontrolle lebensbedrohlicher Blutungen (Damage Control Surgery)
- Stabilisierung der Vitalfunktionen auf der Intensivstation
- Operative Versorgung von Knochen- und Organverletzungen
- Prävention von Komplikationen wie SIRS (Systemisches Inflammatorisches Response-Syndrom) und ARDS (akutes Lungenversagen)
Rehabilitation
Nach der Akutphase ist eine langfristige Rehabilitation unabdingbar. Je nach Verletzungsausmaß umfasst sie physiotherapeutische, ergotherapeutische und neuropsychologische Maßnahmen sowie psychosoziale Unterstützung.
Prognose
Die Prognose eines Polytraumas hängt stark von der Schwere der Verletzungen, dem Alter des Patienten, dem Vorliegen von Begleiterkrankungen sowie der Geschwindigkeit und Qualität der medizinischen Versorgung ab. Dank moderner Traumazentren und verbesserter Versorgungskonzepte konnte die Sterblichkeit in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesenkt werden.
Quellen
- Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU): S3-Leitlinie Polytrauma / Schwerverletzten-Behandlung (2022). AWMF-Register Nr. 012-019.
- Pape H.C., Hildebrand F., Pertschy S. et al.: Changes in the management of femoral shaft fractures in polytrauma patients. Journal of Trauma, 2003; 53(3): 452-462.
- World Health Organization (WHO): Injuries and Violence: The Facts. WHO Press, Genf, 2014.
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