Regulationsstörung – Ursachen, Symptome & Behandlung
Eine Regulationsstörung bei Säuglingen bezeichnet anhaltende Schwierigkeiten bei Schlafen, Essen oder Beruhigen ohne organische Ursache.
Wissenswertes über "Regulationsstörung"
Eine Regulationsstörung bei Säuglingen bezeichnet anhaltende Schwierigkeiten bei Schlafen, Essen oder Beruhigen ohne organische Ursache.
Was ist eine Regulationsstörung?
Der Begriff Regulationsstörung beschreibt bei Säuglingen und Kleinkindern eine anhaltende Beeinträchtigung der Fähigkeit, das eigene Verhalten, den Schlaf, die Nahrungsaufnahme oder die Emotionen selbst zu steuern. Betroffene Kinder zeigen übermäßiges Schreien, Schlafprobleme, Fütterungsschwierigkeiten oder extreme Reizbarkeit, ohne dass eine organische Erkrankung als Ursache gefunden wird. Die Störung betrifft immer auch das Zusammenspiel zwischen Kind und Bezugsperson.
Ursachen
Regulationsstörungen entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren:
- Biologische Faktoren: Reife des Nervensystems, genetische Veranlagung, Unreife der Stressregulation
- Schwangerschaft und Geburt: Komplikationen während der Schwangerschaft oder unter der Geburt können die neuronale Verarbeitung beeinflussen
- Elterliche Belastung: Stress, psychische Erkrankungen oder Partnerschaftskonflikte der Eltern können die Interaktion mit dem Kind beeinträchtigen
- Sensitiver Temperamentsstil: Manche Kinder reagieren von Natur aus stärker auf Reize und benötigen mehr Unterstützung bei der Selbstregulation
- Interaktionsprobleme: Ein Missverhältnis zwischen dem Verhalten des Kindes und den Reaktionen der Eltern kann die Störung verstärken
Erscheinungsformen und Symptome
Exzessives Schreien
Das sogenannte Schreibaby schreit mehr als drei Stunden täglich, mehr als drei Tage pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen (Wessel-Kriterien). Das Schreien ist für Eltern schwer vorhersehbar und kaum zu beruhigen.
Schlafstörungen
Betroffene Kinder haben große Schwierigkeiten, selbständig einzuschlafen oder durchzuschlafen. Sie benötigen intensive elterliche Unterstützung beim Einschlafen und wachen nachts häufig auf.
Fütterungsstörungen
Probleme beim Stillen oder mit der Flasche, Verweigerung der Nahrungsaufnahme, Erbrechen oder extrem langsames Essen können ebenfalls Ausdruck einer Regulationsstörung sein.
Motorische Unruhe und Reizbarkeit
Manche Kinder zeigen übermäßige motorische Aktivität, sind schwer zu beruhigen oder reagieren übermäßig stark auf Sinnesreize wie Geräusche, Licht oder Berührung.
Diagnose
Die Diagnose einer Regulationsstörung wird klinisch gestellt und umfasst:
- Ausführliche Anamnese der Familiengeschichte, Schwangerschaft, Geburt und des kindlichen Verhaltens
- Ausschluss organischer Ursachen (z. B. Reflux, Laktoseintoleranz, Infektionen)
- Beobachtung der Eltern-Kind-Interaktion
- Standardisierte Fragebögen zur Einschätzung von Schreihäufigkeit, Schlaf und Fütterungsverhalten
- Ggf. Vorstellung in einer spezialisierten Schreiambulanz oder kinderpsychosomatischen Einrichtung
Behandlung
Die Behandlung ist multimodal und richtet sich nach dem Schweregrad der Störung sowie den Bedürfnissen der Familie:
Elternberatung und Psychoedukation
Eltern erhalten Informationen über kindliche Regulationsmechanismen und lernen, die Signale ihres Kindes besser zu verstehen und darauf einzugehen.
Interaktionsbasierte Therapie
In spezialisierten Zentren werden Eltern und Kind gemeinsam behandelt. Ziel ist die Förderung einer sicheren Bindung und einer feinfühligen Eltern-Kind-Interaktion.
Schlaferziehung
Strukturierte Schlafberatung hilft Eltern, gesunde Schlafgewohnheiten zu etablieren und das Kind beim selbständigen Einschlafen zu unterstützen.
Elterliche Selbstfürsorge
Da Regulationsstörungen die gesamte Familie belasten, ist auch die Unterstützung der Eltern ein wichtiger Behandlungsbaustein. Bei Anzeichen einer elterlichen Depression oder Angststörung sollte ebenfalls Hilfe in Anspruch genommen werden.
Osteopathie und Physiotherapie
In einigen Fällen werden ergänzend osteopathische Behandlungen oder physiotherapeutische Maßnahmen eingesetzt, um körperliche Spannungen beim Kind zu lösen. Die wissenschaftliche Evidenz hierfür ist begrenzt.
Verlauf und Prognose
Die meisten Regulationsstörungen bessern sich im Verlauf des ersten Lebensjahres deutlich. Ohne ausreichende Unterstützung können jedoch nachfolgende Verhaltensauffälligkeiten, Bindungsprobleme oder elterliche Erschöpfungszustände entstehen. Frühzeitige Intervention verbessert die Prognose deutlich.
Quellen
- Papoušek M, Schieche M, Wurmser H (Hrsg.): Regulationsstörungen der frühen Kindheit. Huber Verlag, Bern, 2004.
- Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP): Leitlinien zu Regulationsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter, AWMF 2021.
- Ziegler M, Wollwerth de Chabrolé E: Säuglings- und Kleinkindpsychiatrie. In: Remschmidt H et al. (Hrsg.), Kinder- und Jugendpsychiatrie, Thieme, Stuttgart, 2011.
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