Senolytika – Wirkstoffe gegen Zellalterung
Senolytika sind Wirkstoffe, die gezielt seneszente Zellen (gealterte, funktionslose Zellen) aus dem Körper entfernen und so altersbedingte Erkrankungen verlangsamen können.
Wissenswertes über "Senolytika"
Senolytika sind Wirkstoffe, die gezielt seneszente Zellen (gealterte, funktionslose Zellen) aus dem Körper entfernen und so altersbedingte Erkrankungen verlangsamen können.
Was sind Senolytika?
Senolytika sind eine Klasse von Wirkstoffen, die speziell darauf ausgelegt sind, seneszente Zellen aus dem Körper zu eliminieren. Seneszente Zellen sind Zellen, die sich nicht mehr teilen, aber auch nicht durch den normalen Zelltod (Apoptose) absterben. Stattdessen verbleiben sie im Gewebe und scheiden entzündungsfördernde Botenstoffe aus – ein Phänomen, das als SASP (Senescence-Associated Secretory Phenotype) bezeichnet wird. Dieses chronische Entzündungsgeschehen gilt als ein zentraler Treiber des biologischen Alterns und vieler altersbedingter Erkrankungen.
Wirkmechanismus
Seneszente Zellen entwickeln spezifische Überlebensstrategien, die es ihnen ermöglichen, dem normalen Zelltod zu entgehen. Senolytika greifen gezielt in diese Schutzmechanismen ein:
- Hemmung anti-apoptotischer Proteine: Seneszente Zellen exprimieren verstärkt Proteine wie BCL-2, BCL-XL und PI3K/AKT, die sie vor dem Zelltod schützen. Senolytika blockieren diese Proteine und lösen so die Apoptose (programmierten Zelltod) aus.
- Reaktivierung von Todesrezeptoren: Einige Senolytika reaktivieren Signalwege, die in seneszenten Zellen normalerweise blockiert sind und zum Zelltod führen.
- Selektive Wirkung: Da normale, gesunde Zellen diese Überlebensproteine weniger stark exprimieren, wirken Senolytika idealerweise selektiv auf seneszente Zellen.
Bekannte Senolytika und ihre Wirkstoffe
Quercetin und Dasatinib
Quercetin ist ein natürlich vorkommendes Flavonoid, das in vielen Obst- und Gemüsesorten enthalten ist. In Kombination mit dem Krebsmedikament Dasatinib (einem Tyrosinkinase-Inhibitor) zeigt es in präklinischen Studien und frühen klinischen Studien eine stark senonolytische Wirkung. Diese Kombination gilt derzeit als eine der am besten untersuchten senolytischen Ansätze.
Fisetin
Fisetin ist ein weiteres Flavonoid, das in Erdbeeren, Äpfeln und anderen Früchten vorkommt. Studien zeigen, dass Fisetin in vitro und in Tiermodellen wirksam seneszente Zellen abbaut und entzündungsfördernde Marker reduziert.
Navitoclax (ABT-263)
Navitoclax ist ein synthetischer Wirkstoff, der BCL-2- und BCL-XL-Proteine hemmt. Er zeigt eine starke senolytische Wirkung, hat jedoch auch Nebenwirkungen wie die Reduktion von Thrombozyten (Blutplättchen), was den klinischen Einsatz bisher einschränkt.
Weitere Wirkstoffe
In der Forschung werden weitere mögliche Senolytika untersucht, darunter Piperlongumin, 17-DMAG (ein HSP90-Inhibitor) sowie bestimmte kardiale Glykoside wie Ouabain.
Potenzielle Anwendungsgebiete
Die Entfernung seneszenter Zellen könnte bei einer Vielzahl von altersbedingten und chronischen Erkrankungen therapeutischen Nutzen haben:
- Alterungsprozesse: Verzögerung des biologischen Alterns und Verbesserung der allgemeinen Gesundheit im Alter
- Osteoarthrose: Reduktion seneszenter Zellen im Gelenkknorpel zur Verlangsamung des Knorpelabbaus
- Herzkreislauferkrankungen: Verminderung der chronischen Gefäßentzündung
- Chronische Lungenerkrankungen: z. B. idiopathische pulmonale Fibrose (IPF)
- Diabetes mellitus Typ 2: Verbesserung der Insulinsensitivität durch Reduktion metabolischer Entzündung
- Neurodegenerative Erkrankungen: Mögliche Verlangsamung von Alzheimer und Parkinson
Aktueller Forschungsstand
Die meisten Erkenntnisse über Senolytika stammen bisher aus Tierversuchen (insbesondere Mäusen), in denen beeindruckende Ergebnisse erzielt wurden: längere Lebensspanne, verbesserte Körperfunktionen und reduzierte Krankheitslast. Klinische Studien am Menschen befinden sich überwiegend noch in frühen Phasen (Phase I und II). Erste Ergebnisse beim Menschen, etwa zur Kombination Dasatinib und Quercetin bei idiopathischer pulmonaler Fibrose, sind vielversprechend, aber weitere großangelegte Studien sind notwendig.
Sicherheit und Nebenwirkungen
Da die Forschung zu Senolytika noch relativ jung ist, ist das vollständige Sicherheitsprofil noch nicht abschließend geklärt. Mögliche Risiken umfassen:
- Beeinträchtigung gesunder Zellen oder Gewebe
- Thrombozytopenie (Blutplättchenmangel) bei bestimmten Wirkstoffen wie Navitoclax
- Unbekannte Langzeitfolgen durch wiederholte Anwendung
- Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Eine Selbstmedikation mit Senolytika wird derzeit ausdrücklich nicht empfohlen. Die Anwendung sollte ausschließlich im Rahmen klinischer Studien oder unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Quellen
- Kirkland JL, Tchkonia T. Senolytic drugs: from discovery to translation. Journal of Internal Medicine. 2020;288(5):518–536. DOI: 10.1111/joim.13141
- Zhu Y et al. The Achilles heel of senescent cells: from transcriptome to senolytic drugs. Aging Cell. 2015;14(4):644–658. DOI: 10.1111/acel.12344
- Justice JN et al. Senolytics in idiopathic pulmonary fibrosis: Results from a first-in-human, open-label, pilot study. EBioMedicine. 2019;40:554–563. DOI: 10.1016/j.ebiom.2018.12.052
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