Tumorlyse-Syndrom: Ursachen, Symptome & Therapie
Das Tumorlyse-Syndrom ist eine lebensbedrohliche Komplikation bei der Krebsbehandlung, bei der zerfallende Tumorzellen gefährliche Stoffwechselprodukte freisetzen.
Wissenswertes über "Tumorlyse-Syndrom"
Das Tumorlyse-Syndrom ist eine lebensbedrohliche Komplikation bei der Krebsbehandlung, bei der zerfallende Tumorzellen gefährliche Stoffwechselprodukte freisetzen.
Was ist das Tumorlyse-Syndrom?
Das Tumorlyse-Syndrom (TLS) ist eine potenziell lebensbedrohliche Stoffwechselkomplikation, die auftreten kann, wenn große Mengen von Tumorzellen innerhalb kurzer Zeit absterben. Dabei werden intrazelluläre Substanzen – wie Kalium, Phosphat, Harnsäure und Nukleinsäuren – in den Blutkreislauf freigesetzt. Dies kann zu schwerwiegenden Organschäden, insbesondere an den Nieren, dem Herz und dem Nervensystem, führen. Das Syndrom tritt häufig als Folge einer Chemotherapie, Immuntherapie oder Strahlentherapie auf, kann in seltenen Fällen aber auch spontan entstehen.
Ursachen
Das Tumorlyse-Syndrom entsteht durch den massenhaften Zerfall von Krebszellen. Die häufigsten Auslöser sind:
- Chemotherapie: Die am häufigsten assoziierte Ursache, insbesondere bei aggressiven hämatologischen Tumoren.
- Immuntherapie und Targeted Therapy: Neuere Therapieformen können ebenfalls einen schnellen Tumorzellzerfall auslösen.
- Strahlentherapie: Bei Tumoren mit hoher Strahlensensitivität.
- Spontanes TLS: Selten, aber möglich bei sehr schnell wachsenden Tumoren mit hoher Zellzerfallsrate.
Besonders gefährdet sind Patienten mit Non-Hodgkin-Lymphomen, akuter lymphatischer Leukämie (ALL), akuter myeloischer Leukämie (AML) sowie anderen Tumoren mit hoher Proliferationsrate und großer Tumormasse.
Symptome
Die Symptome des Tumorlyse-Syndroms ergeben sich aus den charakteristischen Elektrolytveränderungen und Stoffwechselstörungen:
- Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumspiegel): Herzrhythmusstörungen, Muskelschwund, Paresen
- Hyperphosphatämie (erhöhter Phosphatspiegel): Niereninsuffizienz, Kalziumausfällung
- Hypokalkämie (niedriger Kalziumspiegel): Muskelkrämpfe, Tetanie, Herzrhythmusstörungen
- Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel): Nierensteine, akutes Nierenversagen
- Akutes Nierenversagen: Als Folge von Harnsäure- und Kalziumphosphat-Ablagerungen in den Nierentubuli
- Allgemeine Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Bewusstseinsstörungen, Krampfanfälle
Diagnose
Die Diagnose des Tumorlyse-Syndroms erfolgt anhand klinischer und laborchemischer Kriterien. Weit verbreitet ist die Cairo-Bishop-Klassifikation, die zwischen einem laborchemischen TLS und einem klinischen TLS unterscheidet:
- Laborchemisches TLS: Mindestens zwei der folgenden Veränderungen innerhalb von 3 Tagen vor bis 7 Tagen nach Therapiebeginn: Hyperurikämie, Hyperkaliämie, Hyperphosphatämie, Hypokalkämie.
- Klinisches TLS: Laborchemisches TLS plus mindestens eine klinische Komplikation wie Nierenversagen, Herzrhythmusstörung, Krampfanfall oder Tod.
Zur Diagnostik gehören regelmäßige Blutentnahmen zur Überwachung von Elektrolyten, Harnsäure, Kreatinin und Harnstoff sowie ein EKG zur Herzrhythmusbeurteilung.
Behandlung
Die Therapie des Tumorlyse-Syndroms umfasst präventive und therapeutische Maßnahmen:
Prävention
- Hyperhydratation: Ausreichende Flüssigkeitszufuhr (i.v.) zur Förderung der renalen Ausscheidung von Harnsäure und Phosphat.
- Allopurinol: Hemmung der Harnsäureproduktion; wird prophylaktisch bei mittlerem TLS-Risiko eingesetzt.
- Rasburicase: Enzym, das Harnsäure direkt abbaut; wird bei hohem TLS-Risiko oder bereits bestehendem TLS eingesetzt.
- Engmaschiges Monitoring von Laborwerten und Vitalzeichen vor und während der Tumortherapie.
Therapeutische Maßnahmen
- Behandlung der Hyperkaliämie: Natriumbicarbonat, Kalziumgluconat, Insulingabe, Dialyse bei schweren Fällen.
- Behandlung der Hyperphosphatämie: Phosphatbinder, Dialyse.
- Behandlung der Hypokalkämie: Kalziumgluconat bei symptomatischen Patienten.
- Hämodialyse: Bei schwerem akutem Nierenversagen oder nicht beherrschbaren Elektrolytstörungen.
Risikostratifizierung
Patienten werden vor Therapiebeginn in Risikogruppen (niedriges, mittleres, hohes Risiko) eingeteilt, um die Intensität der prophylaktischen Maßnahmen anzupassen. Faktoren wie Tumorart, Tumormasse, Nierenfunktion und die geplante Therapieintensität fließen in die Risikobeurteilung ein.
Quellen
- Cairo MS, Bishop M. Tumour lysis syndrome: new therapeutic strategies and classification. British Journal of Haematology. 2004;127(1):3-11.
- Howard SC, Jones DP, Pui CH. The Tumor Lysis Syndrome. New England Journal of Medicine. 2011;364(19):1844-1854.
- Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO): Tumorlyse-Syndrom. DGHO, 2023.
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