Romberg-Test – Gleichgewichtstest in der Neurologie
Der Romberg-Test ist ein neurologischer Gleichgewichtstest, bei dem der Patient mit geschlossenen Augen steht. Er prüft die Tiefensensibilität und Gleichgewichtsfunktion.
Wissenswertes über "Romberg-Test"
Der Romberg-Test ist ein neurologischer Gleichgewichtstest, bei dem der Patient mit geschlossenen Augen steht. Er prüft die Tiefensensibilität und Gleichgewichtsfunktion.
Was ist der Romberg-Test?
Der Romberg-Test ist ein einfacher, klinischer Untersuchungstest aus der Neurologie, mit dem Ärzte die Gleichgewichtsfunktion und die Tiefensensibilität (Propriozeption) eines Patienten beurteilen. Der Test wurde nach dem deutschen Neurologen Moritz Heinrich Romberg (1795–1873) benannt, der ihn im 19. Jahrhundert beschrieben hat. Er gehört bis heute zur Standarduntersuchung in der neurologischen Diagnostik.
Wie wird der Romberg-Test durchgeführt?
Die Durchführung ist einfach und erfordert keine technischen Geräte:
- Der Patient steht aufrecht mit geschlossenen Füßen nebeneinander (Grundstellung).
- Zuerst behält der Patient die Augen geöffnet – der Untersucher beobachtet, ob der Patient stabil steht.
- Anschließend schließt der Patient die Augen. Der Untersucher beobachtet nun, ob der Patient ins Schwanken gerät oder stürzt.
- Der Test dauert in der Regel 20 bis 60 Sekunden.
- Der Untersucher steht dabei bereit, um den Patienten im Fall eines Sturzes aufzufangen.
Was misst der Romberg-Test?
Das Gleichgewicht des Menschen basiert auf drei Säulen:
- Visuelle Wahrnehmung (Sehen)
- Vestibuläres System (Gleichgewichtsorgan im Innenohr)
- Propriozeption (Tiefensensibilität: Informationen aus Muskeln, Sehnen und Gelenken)
Wenn die Augen geöffnet sind, kann das visuelle System Gleichgewichtsstörungen aus dem Tiefen- oder Vestibularsystem kompensieren. Sobald die Augen geschlossen werden, fällt diese Kompensationsmöglichkeit weg. Ein positiver Romberg-Test – also ein deutliches Schwanken oder Stürzen bei geschlossenen Augen – weist daher auf eine Schädigung der Hinterstrangbahnen des Rückenmarks (spinale Propriozeption) hin.
Befundinterpretation
Negativer Romberg-Test (unauffällig)
Der Patient steht sowohl mit geöffneten als auch mit geschlossenen Augen stabil. Die Propriozeption und die spinalen Gleichgewichtsbahnen sind intakt.
Positiver Romberg-Test (auffällig)
Der Patient steht mit geöffneten Augen stabil, schwankt oder fällt jedoch bei geschlossenen Augen. Dies deutet auf eine Störung der Tiefensensibilität (sensorische Ataxie) hin, typischerweise durch:
- Polyneuropathie (z. B. bei Diabetes mellitus oder Alkoholmissbrauch)
- Hinterstrangschädigung des Rückenmarks (z. B. bei Vitamin-B12-Mangel, Tabes dorsalis oder Multipler Sklerose)
- Vestibulare Erkrankungen (z. B. Neuritis vestibularis, Morbus Ménière)
Abgrenzung zur zerebellären Ataxie
Wichtig: Bei einer zerebellären Ataxie (Kleinhirnerkrankung) schwankt der Patient bereits mit geöffneten Augen stark. Das Schließen der Augen verschlechtert die Situation zwar, aber der Romberg-Test ist in diesem Fall weniger spezifisch für eine spinale Ursache.
Modifizierter Romberg-Test
Für eine erhöhte Empfindlichkeit existieren Varianten des Tests, zum Beispiel der sogenannte Tandem-Romberg-Test: Dabei stellt der Patient einen Fuß direkt vor den anderen (wie auf einem Seil laufend). Diese Variante wird häufig in der Sturzrisikoabklärung bei älteren Patienten eingesetzt.
Klinische Bedeutung und Anwendungsgebiete
Der Romberg-Test wird routinemäßig eingesetzt bei:
- Abklärung von Schwindel und Gleichgewichtsstörungen
- Verdacht auf Polyneuropathie
- Diagnose neurologischer Erkrankungen wie Multiple Sklerose
- Beurteilung des Sturzrisikos bei älteren Menschen
- Verkehrsmedizinischen Untersuchungen (z. B. zur Beurteilung der Fahrtauglichkeit)
- Überprüfung des Nuchterheitsgrades bei Verdacht auf Alkohol- oder Drogeneinfluss
Grenzen des Tests
Der Romberg-Test ist ein orientierender Screening-Test und hat Grenzen:
- Er ist nicht spezifisch für eine einzelne Erkrankung.
- Bei starker Adipositas, orthostatischen Problemen oder mangelnder Mitarbeit des Patienten kann das Ergebnis verfälscht sein.
- Ein positives Ergebnis erfordert immer weiterführende diagnostische Maßnahmen (z. B. Elektroneurographie, MRT, Laboruntersuchungen).
Quellen
- Masuhr, K. F. & Neumann, M.: Neurologie. 6. Auflage. Thieme Verlag, Stuttgart 2007.
- Bickley, L. S.: Bates Guide to Physical Examination and History Taking. 12. Auflage. Wolters Kluwer, 2017.
- Strupp, M. & Brandt, T.: Diagnosis and treatment of vertigo and dizziness. Deutsches Ärzteblatt International, 105(10): 173–180, 2008.
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