Kompartmentsyndrom – Ursachen, Symptome & Behandlung
Das Kompartmentsyndrom ist ein medizinischer Notfall, bei dem ein gefährlicher Druckanstieg in einem Muskelkompartment die Durchblutung unterbricht und zu Gewebsschäden führt.
Wissenswertes über "Kompartmentsyndrom"
Das Kompartmentsyndrom ist ein medizinischer Notfall, bei dem ein gefährlicher Druckanstieg in einem Muskelkompartment die Durchblutung unterbricht und zu Gewebsschäden führt.
Was ist das Kompartmentsyndrom?
Das Kompartmentsyndrom (auch Kompartiment-Syndrom genannt) ist ein ernsthafter, oft lebensbedrohlicher Zustand, bei dem der Druck innerhalb eines geschlossenen Muskelkompartments so stark ansteigt, dass die Blutversorgung und die Nervenfunktion im betroffenen Bereich kritisch beeinträchtigt werden. Muskeln, Nerven und Blutgefäße sind in sogenannte Kompartments eingebettet – feste, unelastische Hüllen aus Bindegewebe (Faszien), die keinen Raum zur Ausdehnung lassen. Steigt der Druck in diesen Hüllen, entsteht ein Ischämie-Risiko, also eine Unterversorgung mit Sauerstoff.
Ursachen
Das Kompartmentsyndrom kann akut oder chronisch auftreten. Die häufigsten Ursachen umfassen:
- Traumata: Knochenbrüche (besonders am Unterschenkel oder Unterarm), Quetschverletzungen
- Verbrennungen und ausgedehnte Weichteilverletzungen
- Enge Verbände oder Gipsverbände, die Schwellungen einschnüren
- Gefäßverletzungen mit nachfolgenden Blutungen ins Kompartment
- Reperfusionsschäden nach Wiederherstellung der Durchblutung
- Belastungsinduziertes chronisches Kompartmentsyndrom: tritt bei Sportlern während intensiver körperlicher Belastung auf
Symptome
Die klassischen Symptome werden im Englischen als die "5 Ps" bezeichnet:
- Pain (Schmerz): starker, übermäßiger Schmerz, der durch passive Dehnung der Muskeln zunimmt
- Pressure (Druckgefühl): das betroffene Kompartment fühlt sich sehr hart und gespannt an
- Paresthesia (Kribbeln, Taubheitsgefühl): durch Nervenkompression
- Paralysis (Lähmung): in fortgeschrittenen Fällen durch Nervens- und Muskelschäden
- Pallor (Blässe) und versättigte Haut: späteres Zeichen, oft erst wenn der Zustand kritisch ist
Besonders charakteristisch ist ein Schmerz, der unverhältnismäßig stark zur sichtbaren Verletzung ist und sich bei Bewegung oder Dehnung verstärkt.
Diagnose
Die Diagnose des Kompartmentsyndroms ist in erster Linie klinisch. Folgende Maßnahmen werden eingesetzt:
- Klinische Untersuchung: Beurteilung von Schmerz, Spannung, Sensibilität und Motorik
- Kompartmentdruckmessung: mit einer speziellen Druckmesssonde wird der Druck im Kompartment gemessen. Ein Druck über 30 mmHg oder ein Differenzdruck (diastolischer Blutdruck minus Kompartmentdruck) unter 30 mmHg gilt als kritisch.
- Laborwerte: erhöhte Kreatinkinase (CK) deutet auf Muskelzerfall (Rhabdomyolyse) hin
- Bildgebung: MRT oder Ultraschall können unterstützend eingesetzt werden, sind aber nicht primär diagnostisch
Behandlung
Das akute Kompartmentsyndrom ist ein medizinischer Notfall und erfordert sofortiges Handeln:
Konservative Maßnahmen (bei Verdächt)
- Entfernung oder Aufschneiden einengender Verbände oder Gipse
- Lagerung des betroffenen Extremität auf Höhe des Herzens (nicht erhöht, da dies die Perfusion verschlechtern könnte)
- Überwachung von Druckwerten und Neurologie
Operative Behandlung: Fasziotomie
Die einzige definitive Behandlung des akuten Kompartmentsyndroms ist die Fasziotomie: Dabei werden die Faszien des betroffenen Kompartments chirurgisch gespalten, um den Druck zu entlasten. Der Eingriff muss so frühzeitig wie möglich durchgeführt werden – idealerweise innerhalb von 6 Stunden nach Symptombeginn – um bleibende Muskel- und Nervenschäden zu verhindern.
Chronisches belastungsinduziertes Kompartmentsyndrom
Beim chronischen Kompartmentsyndrom (vor allem bei Ausdauersportlern) kann zunächst eine Therapiepause, Physiotherapie und Änderung der Belastung versucht werden. Bei ausbleibender Besserung ist ebenfalls eine Fasziotomie möglich.
Komplikationen
Wird das Kompartmentsyndrom nicht rechtzeitig behandelt, drohen schwerwiegende Folgeschäden:
- Dauerhafter Muskelverlust und Kontrakturen (Volkmann-Kontraktur)
- Nervenausfälle und bleibende Lähmungen
- Nierenversagen durch Rhabdomyolyse (Freisetzung von Myoglobin)
- Im schlimmsten Fall Amputation der betroffenen Extremität
Quellen
- Schaser, K. D. et al.: Kompartmentsyndrom. Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), Leitlinien der Unfallchirurgie, 2022.
- Torlincasi, A. M. et al.: Acute Compartment Syndrome. StatPearls Publishing, NCBI Bookshelf, 2023. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK430721/
- Duckworth, A. D. & McQueen, M. M.: The Diagnosis of Acute Compartment Syndrome: A Review. European Journal of Trauma and Emergency Surgery, 2017.
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