Insulinschocktherapie – Geschichte und Risiken
Die Insulinschocktherapie ist ein historisches psychiatrisches Verfahren, bei dem durch gezielte Insulingaben Unterzuckerungen ausgelöst wurden. Sie gilt heute als überholt und wird nicht mehr angewendet.
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Die Insulinschocktherapie ist ein historisches psychiatrisches Verfahren, bei dem durch gezielte Insulingaben Unterzuckerungen ausgelöst wurden. Sie gilt heute als überholt und wird nicht mehr angewendet.
Was ist die Insulinschocktherapie?
Die Insulinschocktherapie (auch Insulinkoma-Therapie oder Sakel-Kur genannt) ist eine historische psychiatrische Behandlungsmethode, die in den 1930er bis 1960er Jahren eingesetzt wurde. Bei dieser Methode wurden Patienten gezielt hohe Dosen Insulin verabreicht, um einen hypoglykämischen Schock -- also einen durch extremen Blutzuckerabfall ausgelösten Bewusstseinsverlust bis hin zum Koma -- herbeizuführen. Das Verfahren wurde vom österreichisch-amerikanischen Arzt Manfred Sakel entwickelt und vor allem zur Behandlung der Schizophrenie eingesetzt.
Historischer Hintergrund
Manfred Sakel führte die Methode ab 1927 zunächst zur Behandlung von Morphinentzug ein und berichtete ab 1933 über ihren Einsatz bei Schizophrenie. In den folgenden Jahrzehnten verbreitete sich die Therapie in psychiatrischen Einrichtungen weltweit. Sakel behauptete hohe Remissionsraten, was zur raschen Verbreitung der Methode beitrug. Die Insulinschocktherapie galt zeitweise als Standardbehandlung bei Schizophrenie und wurde in zahlreichen Ländern routinemäßig eingesetzt.
Durchführung
Die Behandlung erfolgte stationär unter engmaschiger ärztlicher Aufsicht. Der Ablauf war in der Regel wie folgt:
- Dem nüchternen Patienten wurde morgens eine hohe Dosis Insulin injiziert.
- Durch den daraus resultierenden schweren Blutzuckerabfall (Hypoglykämie) verlor der Patient das Bewusstsein und fiel in ein künstliches Koma.
- Nach einer definierten Zeit -- meist 30 bis 60 Minuten -- wurde der Koma-Zustand durch Verabreichung von Glukose (Traubenzucker) beendet.
- Die Behandlungsserie umfasste typischerweise 20 bis 60 solcher Sitzungen über mehrere Wochen.
Angebliche Wirkung und Therapieziel
Die genauen Wirkungsmechanismen waren zu keiner Zeit wissenschaftlich geklärt. Als Hypothesen wurden unter anderem eine Neuroplastizität fördernde Wirkung der Hypoglykämie sowie vegetative und hormonelle Veränderungen diskutiert. Ein klar belegter neurobiologischer Mechanismus konnte jedoch nie nachgewiesen werden. Therapieziel war eine Reduktion psychotischer Symptome wie Halluzinationen, Wahnvorstellungen und Denkstörungen bei Patienten mit Schizophrenie.
Risiken und Nebenwirkungen
Die Insulinschocktherapie war mit erheblichen gesundheitlichen Risiken verbunden:
- Todesfälle: Die Mortalitätsrate wurde auf etwa 1 bis 2 Prozent geschätzt.
- Irreversible Hirnschäden: Prolongierte Hypoglykämien konnten zu dauerhaften neurologischen Schäden führen.
- Kardiovaskuläre Komplikationen: Herzrhythmusstörungen und Kreislaufversagen waren möglich.
- Krampfanfälle: Epileptiforme Anfälle traten während des Schockzustands auf.
- Psychische Belastung: Viele Patienten erlebten die Behandlung als äußerst belastend und traumatisierend.
Wissenschaftliche Kritik und Ende der Anwendung
Die wissenschaftliche Grundlage der Insulinschocktherapie wurde schon früh hinterfragt. Ein entscheidender Wendepunkt war eine im Jahr 1957 veröffentlichte kontrollierte Studie des britischen Psychiaters Harold Bourne sowie eine Studie von Bourne und später von Ackner und Kollegen, die zeigten, dass die Methode keinen therapeutischen Vorteil gegenüber einer tiefen Sedierung ohne Insulin bot. Mit der Einführung wirksamer Antipsychotika -- insbesondere Chlorpromazin ab Mitte der 1950er Jahre -- verlor die Insulinschocktherapie rasch an Bedeutung. Sie wird heute weltweit nicht mehr angewendet und gilt als historisch überholtes, ethisch problematisches Verfahren.
Bedeutung in der Geschichte der Psychiatrie
Die Insulinschocktherapie steht exemplarisch für eine Epoche der Psychiatrie, in der therapeutische Verfahren ohne ausreichende wissenschaftliche Evidenz und oft ohne informierte Einwilligung der Patienten eingesetzt wurden. Ihre Geschichte hat wesentlich zur Entwicklung moderner ethischer Standards in der medizinischen Forschung und Behandlung beigetragen, darunter die Forderung nach informierter Einwilligung (Informed Consent) und strengen klinischen Prüfungen neuer Therapieverfahren.
Abgrenzung zur Elektrokrampftherapie
Die Insulinschocktherapie ist nicht zu verwechseln mit der Elektrokrampftherapie (EKT), die ebenfalls in den 1930er Jahren entwickelt wurde und bei der durch kurze elektrische Impulse kontrollierte Krampfanfälle ausgelöst werden. Die EKT wird -- in stark weiterentwickelter und regulierter Form -- bis heute bei bestimmten schweren psychiatrischen Erkrankungen wie therapieresistenter Depression eingesetzt und ist wissenschaftlich anerkannt.
Quellen
- Ackner, B., Harris, A., Oldham, A. J. (1957): Insulin treatment of schizophrenia -- a controlled study. The Lancet, 269(6969), 607--611.
- Shorter, E. (1997): A History of Psychiatry: From the Era of the Asylum to the Age of Prozac. John Wiley & Sons.
- Braslow, J. T. (1997): Mental Ills and Bodily Cures: Psychiatric Treatment in the First Half of the Twentieth Century. University of California Press.
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